Mit Peter Ufer in der Hirsch-Filmsammlung, 2015. Foto: Wilm Heinrich
Die Autobiografie "Ernst Hirsch - Dass Auge von Dresden" wurde in zwei Auflagen veröffentlich - und ist trotzdem längst vergriffen. "Leben50" darf noch einmal die Biografie des Dresdner Kameramannes publizieren. Heute lesen Sie einen Beitrag von Dr. Peter Ufer für dieses Buch.
Dresden in alten Filmen - Es gibt immer eine Möglichkeit
Originalbeitrag für dieses Buch von Dr. Peter Ufer
Er ist wirklich fett. Ein aufgeblasener Kater, zum Abflug bereit wie ein Luftballon voller Helium. Der kugelrunde Vierpföter steht auf der Rambla del Raval in Barcelona. Als der Dresdner Ernst Hirsch seine Kamera auf ihn hielt, da kam quer über den Platz eine blonde Frau mit einem Straßenpinscher gelaufen. Der Hund hielt an, hob ein Bein und setzte seine Marke an die hintere linke Pfote des Volumentiers.
Fernando Botero schuf die pralle Figur für Barcelona, aber nicht nur da. In Paris, München, Berlin, Singapur und Bogota stehen oder liegen die fetten Leiber des Kolumbianers. Seine Statuen sind so dick, wie Alberto Giacomettis dünn. Künstler greifen gern für eine Provokation zur Deformation. Botero schuf seine eigene Welt, wollte Menschen zu einem sinnlichen Erlebnis führen. Wie bereits im Kapitel "Die Welt des großen Films" beschrieben, filmte Kameramann Hirsch für den Regisseur Schamoni 2007 in Barcelona das Bronzevieh. Und wenn heute einer nach Barcelona fährt, gibt der Dresdner den Tipp, man möge den Kater besuchen. Dann erzählt Hirsch kurz die Geschichte mit dem Hund, weil so ein Glücksfall zum Filmen gehört.
Glück, sagt Ernst Hirsch, hätte er in seinem Leben oft gehabt. Und als ich das Glück hatte, ihn kennenzulernen, da empfahl er mir Boteros Werk. Ich folgte seinem Rat, schlenderte durch Kataloniens Küstenstadt, ging außerdem die Wege nach, die Carlos Ruiz Zafón in "Der Schatten des Windes"beschreibt. Der Held Daniel Sempere läuft durch seine Stadt, die es nicht mehr gibt. Genau wie das alte Dresden. Das Damals existiert nur noch in Bildern, Texten und Gedanken. Die Gassen der Kindheit der Vorkriegsgeborenen wurden von Bomben verschüttet. Hirsch gehört zur Generation meiner Eltern, 1936 geboren. Aus ihren Erzählungen kenne ich die Vergangenheit – das Kaufhaus Renner, die Trompetergasse, die Kamerafabriken an der Schandauer, das Königliche Schauspielhaus, die Semperoper, in der mein Großvater als Beleuchter arbeitete. Doppelte Erinnerung aus Heute und Gestern. Prager Straße als sozialistische Plattenmeile und als Geschichte eines Einkaufsboulevards, der die "Las Ramblas" in Barcelona bei weitem übertrumpft haben muss. Von der Damals-Stadt las ich auch in den Augen meiner Großmutter, die auf der Reitbahnstraße wohnte und mich zum Friseur auf den neuen Boulevard mitnahm. Ich las bei Erich Kästner von seiner Heimat, als er ein kleiner Junge war. Jetzt saß ich Ernst Hirsch gegenüber, der die historischen Wege kennt und sie noch zeigen kann. Denn er wuchs da auf und besitzt Filme aus jener Zeit, die zerbombt wurde und sich als Schuld an die Seelen hängte. Er besitzt seine Notizen von den Spaziergängen mit dem Vater. Der Sohn Ernst denkt in seinen Erinnerungen daran, wie er als Kind mit ihm durch die Straßen lief. Oft am Nachmittag, wenn der Oberlandesgerichtsrat vom Dienst nach Hause kam, da nahm er seinen Jungen zum Schlendern mit.
Ernst Hirsch erklärte mir seinen Hang zu bewegten Bildern. Er erblickte sie ja schon, als er noch keine Kamera vor den Augen hatte. Die Mutter besaß eine Agfa Movex, ein Sechzehn-Milimeter-Schmalfilm-Apparat, angetrieben von einem Federwerksmotor zum Aufziehen. Damit zog er los, filmte, was ihm vors Objektiv geriet. Er hielt die Zeit fest und kann das Damals noch heute bewegt sehen. Gelegentlich lässt er es auf einem Bildschirm in seinem Arbeitszimmer ablaufen. So fällt das Erinnern leichter. Aber es gibt Augenblicke, da ist er sich nicht sicher, ob er an das denkt, was er erlebte, oder ob es die Filmbilder sind, an die er sich erinnert.
Wir saßen gemeinsam vor dem Bildschirm, stundenlang, sahen uns Streifen an von Straßenbahnfahrten über die Augustusbrücke, von Sowjetsoldaten, die über das Blaue Wunder fuhren, von amerikanischen GIs, die die Kesselsdorfer runterkamen, um weiterzufahren zur Festung Königstein, wo sie französische Kriegsgefangene abholen wollten. Wir sahen uns den Neumarkt an, die Werkhallen von Zeiss Ikon, die Gaststätten am Altmarkt, die nur noch Legende sind, Bürgerhäuser hinterm Hauptbahnhof, die auch im Süden Spaniens hätten stehen können.
Ernst Hirsch und ich bekamen von der Sächsischen Zeitung den Auftrag, 100 Jahre Dresdner Geschichte in Filmen zu erzählen. "Dresdner Filmschätze" hieß das Projekt und begann, natürlich, mit der Damals-Stadt. Ein Aufruf ging an die Dresdner, uns ihre Amateurfilme zu schicken. Und tatsächlich kamen Kisten voller Filmbüchsen. Auch die sahen wir uns an, stundenlang. Da trugen Dresdner 1932 den letzten König zu Grabe, da marschierte wenige Jahre später die Wehrmacht über die Prager Straße und Dresdner jubelten, denn die Soldaten kamen siegreich aus Paris zurück. Diesen Film schickte Familie Erler. Die Enkelin fand die Filme ihres längst verstorbenen Großvaters im Ferienhaus in Falkenhain. Versteckt waren sie, weil keiner wissen konnte, ob die Bilder mit Nazisymbolen nicht zu Schwierigkeiten führen würden. Doch sie sind Geschichte. Der Gardinenladen der Erlers an der Ecke Prager Straße war zu sehen, der Großvater, seine Mitarbeiter, die Soldaten. Und als wir den Film in die Auswahl aufgenommen hatten, kam die Enkelin und erzählte, dass ihr Großonkel aus Österreich nach Dresden kommen und alles zum Film erzählen würde. Er hätte ihn allerdings seit 50 Jahren nicht mehr gesehen.
Großonkel Erler kam, sah den Film aus den Tagen vor unserer Zeit, sah seinen Vater, sogar seinen Großvater, konnte es nicht fassen. Ihm kamen die Tränen. Ernst Hirsch hielt mit der Kamera alles fest. Aber nicht nur. Die zwei alten Dresdner Herren gingen zusammen essen, sie besuchten sich. Später fuhr Hirsch nach Innsbruck, zwei Freunde trafen sich und hatten sich eine Menge zu berichten von dieser Stadt, in der sie aufwuchsen und diesen sinnlosen Angriff auf ihre Familien überlebten. Demnächst wird Erler wieder in seine Geburtsstadt ziehen und seinen Lebensabend hier verbringen.
Fast jedem Film folgte eine Begegnung, denn tatsächlich sind es ja Schätze, die uns die Menschen überließen, Lebensschätze. Wir trafen eine Dame, die einen Film ihres Vaters besaß, aber niemals vor einer Kamera etwas dazu sagen wollte. Doch das Konzept der "Filmschätze" sah vor, dass die Zeitzeugen erzählen. Ernst Hirsch umschloss die Frau mit seiner Herzlichkeit, besuchte sie mehrmals, gewann Vertrauen und dann erfuhren wir von ihrem Schicksal, vom Tod des Kindes, von der Tragik ihres Vaters. Sie rollten ihre Biografie wie einen roten Teppich vor uns aus und wir hätten einen extra Film mit ihr drehen können.
Die Präsentation des ersten Teils der Filmschätze fand im Tom-Pauls-Theater in Pirna statt. Wir saßen auf der Bühne, ich interviewte Ernst Hirsch, doch so viel reden wollte er gar nicht. "Das Publikum interessiert sich für die Filme, nicht für uns" meinte er. Am Ende hatten wir die Idee für die DVDs der "Dresdner Filmschätze". Wie in "Willi Schwabes Rumpelkammer" kommentierten wir die folgenden Filme. Ein wenig gemütlich geht das zu, aber so ist das Hirsch-Prinzip. Anders wird es nicht sein. Die Zuschauer sollen dem Film folgen können, zu harte Schnitte, zu schnelle Wechsel, zu hektische Musik sind nicht sein Ding. Das widerspräche seiner Kunst, seinem Stil. Pullover und Cordhosen tanzen keinen Dubstep. Lieber einen Moment inne, als alles für möglich halten. Das habe ich gelernt in den Tagen mit Ernst Hirsch.
Aber Langeweile ist das nicht. Das Ehepaar Hirsch traf ich bei besten Gelegenheiten, Ausstellungseröffnungen, Diskussionen, im Kino, bei Konzerten, im Theater oder am Flughafen, weil es zu einer Reise auf die Seychellen oder nach England ging. Grüße kamen von einer Ausfahrt nach Tschechien, Polen oder in die Lausitz. Das Cabrio trägt die beiden über die Landstraßen. Und wenn sie Platz hätten in diesem Fahrzeug, dann würden sie jeden Tramper mitnehmen, denn er hätte ja was Neues zu erzählen.
Wir saßen in seinem Studio in Kleinzschachwitz und sprachen die Texte für die Moderation ein. Aber nicht einfach mal so, sondern vorbereitet im passenden Licht. Das gehört für den Kameramann zum Elixier des bewegten Bildes. Passt das Licht nicht, passt es ihm nicht. Da geht er keine Kompromisse ein, sondern legt sich schon mal an mit dem, der nicht versteht, was er will. Seine Qualität lässt sich nicht vermiesen. Er lässt sich gar nichts vermiesen. Mit 80 Jahren hat er das nicht mehr nötig. Er rückt das, was vor dem Objektiv steht, so lange zurecht, bis er sieht, was ihm vorschwebt. Jedes Detail muss stimmen, nichts darf reflektieren oder spiegeln, der Hintergrund muss passen. Gute Vorbereitung ist besser als schlechte Nachbereitung. Noch so eine Weisheit, die ich lernte in diesen Tagen, die manchmal länger dauerten, als ich plante.
Doch bevor es unwirtlich werden konnte, rief Cornelia Hirsch, dass ein Essen auf dem Tisch im Speisezimmer warten würde. Dieses Zimmer betrat ich gern. Blick auf die Elbauen, gegenüber auf der einen Seite Schloss Pillnitz, auf der anderen die Villa des Sängers René Pape. Diese Umge- bung schult den Blick. Leichter Föhn bläst durch die Gärten und wiegt die Kiefern, die gepflanzt wurden, als das Damals-Dresden noch stand. Ich danke nachträglich für die Kosten und den Kaffee, den ich mir immer eilig erbat. Er kam heiß und frisch, garniert mit Keksen aller Art, die ich vertilgte, als hätte ich nie einen Bäcker gesehen.
Dem ersten Teil folgte der zweite der "Dresdner Filmschätze". Aufbau der Stadt mit einem Streifen eines Wehrmachtssoldaten, der im März 1945 durch die Ruinen lief. Hirsch hatte auch ihn noch getroffen. Als Filmvorführer arbeitete Kurt Moser später im "Faunpalast" auf der Leipziger Straße. In seiner Wohnung keine Tapeten, sondern Kinoplakate. So erzählte es mir der Kameramann Hirsch, der sich auch immer als Reporter verstand. Einer, der nah ran geht, aber den Abstand und den Standpunkt wahrt. So näherte er sich den Dresdner Künstlern, gehörte irgendwann zu den Leuten vom Elbhang, zu deren Weltanschauung ein gesunder Eigensinn gehörte.
Die "»Filmschätze" zeigen ebenso den Dresden-Sozialismus, einen Teil, der nicht einfach zu produzieren war, weil zu wenig Amateurfilme einge- schickt wurden und weil die DDR-Gegenwart nur 25 Jahre vergangen war - zu wenig Zeit, um sie zubewerten. Da wollte sich Ernst Hirsch nicht festlegen, denn es ist auch seine Zeit, seine Arbeitszeit, als er als freier Filmemacher unter anderem für die "Aktuelle Kamera" arbeitete und den Arbeiter- und Bauernstaat zeigte mit dem Blick eines Bürgers, der sein Geld verdienen musste. Ihm fallen keine Pauschalurteile ein und dennoch nimmt er Abstand von Menschen, die ihn damals verletzten. Da bleibt er freundlich, aber die Zurückhaltung ist ihm anzumerken. Auch so ein Lernmoment.
Am 3. Oktober 1989 bekam der Dresdner mit Frau und Sohn die Ausreisegenehmigung aus der DDR. Es begann ein neues Leben, das das Alte nicht vergessen machte, sondern daran anknüpfte. Denn als sie eines Tages in München in einem Café saßen, da sahen sie einen Mann, dem Ernst Hirsch schon 1984 in Dresden begegnete, Peter Schamoni. Das Glück wollte es, dass er einen Kameramann suchte und der Sachse gerade nichts Besseres vorhatte, als sich darüber zu freuen. Beide Männer verband bis zum Tod Schamonis im Jahr 2011 eine enge Freundschaft. Beide besaßen ein Lebensmotto: Es gibt immer eine Möglichkeit.
1992 kehren Cornelia und Ernst Hirsch nach Sachsen zurück. Die Heimat bekam der Dresdner nie los. Auf seinen Spaziergängen mit dem Vater gingen sie oft an der Frauenkirche vorbei. Das war damals nichts Besonderes, sie stand ja da, er war dort getauft worden. Aber als sie im Februar 1945 in sich zusammenfiel, da fehlte der Stadt etwas. Ab 1992 erstand sie wieder. Ernst Hirsch filmte diesen Wiederaufbau 13 Jahre lang. Die "Filmschätze" zeigen Ausschnitte davon.
Die sind im vierten Teil zu sehen, der die Zeit von 1989 bis 2010 widerspiegelt. Wir waren uns schnell einig, dass hier Dokumentation im Vordergrund steht. Wie ein eingespieltes Team lieferten wir ab, wählten Filme aus, interviewten Zeitzeugen, schnitten– wie auch bei den anderen Folgen gemeinsam mit Wilm Heinrich und Sophie Arlet – die DVD zusammen, moderierten, sprachen Texte ein. Da passte der Willi-Schwabe-Stil schon weniger, gehörte aber zur Reihe und wurde mittlerweile vom Publikum erwartet. Die Erwartungshaltung stieg immer mehr. Wer von Dresden erzählen will, muss die Stadt kennen und fühlen. Genau das kann Ernst Hirsch. Deshalb danke für diese Tage der Zusammenarbeit, danke für die gewachsene Freundschaft.
Als ich in diesem Sommer nach Kalifornien flog, meinte Ernst Hirsch, ich solle im Sequoia-Nationalpark einen der Mammut-Bäume umarmen. Ich tat es, ich nahm die Kraft eines der 3.000 Jahre alten Gewächse in mich auf. Hirsch drehte 1990 in der Nähe des Parks mit Schamoni einen Film über den Maler, Grafiker und Bildhauer Max Ernst, der viele Jahre in den USA lebte. Seine bizarren Wesen finden sich in vielen Städten der Welt. In München zum Beispiel hocken ein Frosch, eine Schildkröte und ein Assistent auf Sockeln. Der Assistent könnte gut ein Kater sein, der mit seinen Vorderbeinen in der Luft herumfuchtelt, als wären es Flügel, bereit zum Abflug wie ein Luftballon voller Helium.-
Mehr von und über Ernst Hirsch
In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie mehr über Ernst Hirsch und seineFilm- und Fototechnik. Das vorangegangene Kapitel über seine Filmsammlung können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER. In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.