Die Filmsammlung - Ernst Hirsch Teil 25

Original Filmbüchse von 1937 und Lehrbuch von Johannes Sigleur.

Original Filmbüchse von 1937 und Lehrbuch von Johannes Sigleur.

In seinem Buch "Ernst Hirsch - das Auge von Dresden" gibt der Dresdner Kameramann auch einen Einblick in seine Filmsammlung. "Leben50" darf exklusiv das längst verhandelt nicht mehr erhältliche Buch noch einmal veröffentlichen. Lesen Sie Teil 25 - "Die Filmsammlung".

Zeitmaschine mit bewegten Bildern

 In einem utopischen Roman von 1895 beschreibt der englische Schriftsteller Herbert George Wells eine Zeitmaschine, mit deren Hilfe man sich auf eine Reise in die Zukunft geben kann. Mit dem "Zeitfahrrad "hingegen, 1974 in einer anderen Erzählung erwähnt, kann man sich in die Vergangenheit zurückversetzen. Dies sind alles Fiktionen, ohne Bezug zur Realität. Eine wirkliche "Zeitmaschine" hingegen ist mein Filmarchiv. Bis ins Jahr 1903 kann ich mich zurückversetzen und das Geschehen von damals vor mir ablaufen lassen. Die Anlage eines eigenen Filmarchivs oder genauer, einer Filmsammlung, begann mit der Aufbewahrung und Pflege der Familienfilme, die meine Mutter von 1938 bis 1944 aufgenommen hatte. Dazu kamen gekaufte Trick- und Märchenfilme aus dem sogenannten DEGETO-Schmalfilmschrank. Zu Weihnachten oder zu Geburtstagen sahen wir uns diese Filme mit dem eigenen 16-mm-Projektor an. Dieser war erhalten geblieben und damit konnte ich dann auch die ersten von mir selbst aufgenommenen Filme vorführen.

 In der Schule gehörte die Vorführung von Filmen zum Unterricht. Ich wurde vom Klassenlehrer zum Abholen der Filme in die Schulbildstelle auf der Ehrlichstraße geschickt und hatte dort Gelegenheit, in einem Lehrgang den Vorführschein für Schmalfilmgeräte zu erwerben. Bald kaufte ich in einem technischen Trödelladen auf der Hechtstraße den ersten richtigen 35-mm-Lichttonfilm, dessen Thema für die gesamte weitere Sammeltätigkeit bestimmend werden sollte. Es war ein Film mit dem etwas sonderbaren Titel "Die fahrende Stadt" - eine Straßenbahn-Rundfahrt durch Dresden, aufgenommen 1939 von der Firma Boehner-Film. Zu sehen sind die Plätze und Straßen der unzerstörten Stadt meiner Kindheit, der Blick vom Rathausturm, Neumarkt und Frauenkirche, die geschäftige Prager Straße und der Große Garten. Eine Fahrt geht über das"Blaue Wunder" und hinauf mit der Drahtseilbahn auf die Höhen vom Weißen Hirsch und eine weitere mit der Schwebebahn nach Oberloschwitz. Mit diesem Film war gewissermaßen das spätere Sammelgebiet: gefunden Es sollten vor allem dokumentarische Filme über Dresden sein.

 Um diese Filme selbst vorführen zu können, erwarb ich einen älteren Ernemann-Projektor von der Firma Kinotechnik auf der Oskarstraße in Dresden-Strehlen. Aber zum Vorführen von Tonfilmen gehörten noch ein Verstärker und zwei Lautsprecher. Nun fehlte nur noch das Kino... Jahrzehnte später richteten wir, Cornelia und ich, in unserem Haus in Niederpoyritz im ehemaligen Kohlenkeller ein komplettes, wenn auch kleines Kino ein. Freunde und Bekannte freuen sich an diesem Privatkino und erinnern sich noch heute gern gemütliche Flimmerstunden.

Mit dem technischen Leiter der Dresdner Lichtspielbetriebe Rolf Lauterbach war ich seit den 1960er Jahren bekannt. Er wohnte ganz in unserer Nähe auf dem Weißen Hirsch. Rolf Lauterbach hatte in einem Dresdner Kino einen Lehrfilm für Straßenbahner aus dem Jahr 1930 gefunden und mir übergeben. In diesem Film werden vier verschiedene Strecken in der Innenstadt durchfahren, so zum Beispiel vom Postplatz über den Altmarkt zum Pirnaischen Platz. Die Kamera steht unmittelbar neben dem Fahrer auf der Plattform. Der Film zeigt jeweils die gesamte Strecke ohne Einstellungswechsel und war für die Ausbildung von Straßenbahnfahrern, gewissermaßen als Fahrtrainer, mit einer Filmvorführung gekoppelt. Er ist heute ein einmaliges Dokument.


 Rolf Lauterbach arbeitete in der Zentrale des Progress-Filmvertriebs, die sich auf der Straße der Befreiung, der heutigen Hauptstraße in der Dresdner Neustadt, im Kopfbau der Neustädter Markthalle befand. Im oberen Stockwerk war ein kleines Kino mit 20 Plätzen eingerichtet. Dort fanden Pressevorführungen neuer Spielfilme statt, bevor sie in die Kinos kamen. Als Mitglied des Journalistenverbandes besuchte ich regelmäßig diese Veranstaltungen.

 Die Filmsammlung Martin Leders

 Der dortige Filmvorführer Martin Leder nahm mich ca. 1965 mit in den Vorführraum und erklärte mir die Bedienung der Projektoren, das Einlegen der Filme und alle notwendigen Handgriffe zur Filmvorführung. Herr Leder erzählte mir, dass er ein Filmreinigungsmaschine gebaut hätte. Er lud mich ein, zu ihm auf die Mobschatzer Straße zu kommen. Dort stand im Gartenhaus ein gewaltiges Monstrum mit vielen rotierenden Bürsten, durch die 600 Meter lange Filme langsam durchgezogen und dabei der anhaftende Staub und Schmutz gelöst und abgesaugt wurde. Dies war nötig, weil sich die Filmkopien während der Vorführungen statisch aufluden und Staub anzogen. Am Ende des Reinigungsverfahrens überzog die letzte Bürste die Filmoberfläche mit einer dünnen schützenden Wachsschicht.

 Mein Interesse an seiner Konstruktion gefiel wohl Herrn Leder, also lud er Cornelia und mich eines Tages in seine Wohnung ein. Im Wohnzimmer stand fest installiert ein Filmprojektor TK 35 von Zeiss Jena. Er vertraute uns wohl, denn in jenen Jahren war die Vorführung von Filmen in der Wohnung nicht nur aus Gründen des Brandschutzes, sondern wegen der allgegenwärtigen Staatssicherheit nicht ungefährlich. Aus seiner umfangreichen Sammlung von Filmen, die er bereits vor 1945 begonnen hatte und deren Thema größtenteils Dresden war, zeigte er uns immer neue Schätze. Zur Gemütlichkeit trugen Kaffee und Kuchen bei, den Frau Leder selbst gebacken hatte. Da Leders keine Kinder hatten, freuten sie sich besonders über unsere Besuche und unser Interesse. Zu den Filmen hören wir viele Geschichten und interessante Informationen. Als alte Dresdner, die alles miterlebt hatten, erzählten uns Leders aus ihren Erinnerungen. Die frühesten Filme stammen von 1913 und zeigen den letzten sächsischen König Friedrich August III. bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig oder der Fertigstellung der Talsperre Malter und deren symbolischer Inbetriebnahme durch Majestät selbst. Zur letzten großen Parade 1913 zum 48. Geburtstag des Königs auf dem Alaunplatz sah man im Film die Gardereiter und die Regimenter an der Tribüne vorbeimarschieren, während der König vom Pferd aus grüßte. Im Schloss Sybillenort in Schlesien war der König 1932 verstorben. Auch von seiner Beerdigung existiert ein Film: Vom Hauptbahnhof zog der Trauerzug zur Hofkirche, hunderttausende Dresdner säumten die Straßen der Innenstadt.

 Im "Dresdner Bilderbogen", so der Titel eines anderen Films, trat der Humorist Paul Beckers in einer lustigen Szene auf, die an der Ringstraße, Ecke Seestraße spielte. Die Filmfirma Ketzscher hatte einen sogenannten Verkehrserziehungsfilm gedreht, in dem auf das richtige Verhalten im zunehmenden Straßenverkehr aufmerksam gemacht wurde. Nur einige Beispiele aus Leders Filmschatzkammer will ich hier nennen. Einen Werbefilm ließ 1928 der bekannte Kaufhausbesitzer Adolf Renner von seinen neugestalteten Verkaufsräumen am Altmarkt drehen, in denen die erste Rolltreppe Dresdens die Sensation war. In einem anderen Film zeigte die Feuerwehr am Altmarkt aus Anlass der Ausstellung "Der rote Hahn" eine Einsatzübung.

Nachdem Herr Leder verstorben war, verkaufte mir seine Witwe Luise 1974 das gesamte Archiv. Die sehr gut erhaltenen und bestens gepflegten Filme bildeten nun den Grundstock meiner Sammlung.

 Begegnung mit Kurt Moser, Filmvorführer des Faunpalastes

 Stetig erweiterte sich meine Filmsammlung. Die Filmfirma Linke ALI-FILM, deren Bestände im Zweiten Weltkrieg in einer Villa nach Krippen ausgelagert wurden, wurde später von der staatlichen Werbefirma DEWAG übernommen, die das Filmlager auflöste. Die Filme sollen entsorgt werden. Ich bekam einen Hinweis, fuhr schnell nach Krippen und konnte die Filme retten.

 Ein weiteres Beispiel: Ein Kinobesitzer aus Großenhain eröffnete in seiner Stadt das erste Kino und filmte selbst. Seinen Filmnachlass kaufte ich später von seinen Verwandten, die nichts damit anfangen konnten. In der Sammlung war z. B. ein Film vom Abriss des alten Eisenbahntunnels bei Oberau auf der Strecke nach Leipzig, der 1839 von sächsischen Bergleuten gebohrt und 1933/34 wegen der schnelleren Züge geöffnet werden musste. Im Film sieht man die letzte Fahrt eines Zuges durch den Tunnel und die erste Fahrt auf der neuen Strecke. Ich ließ den historisch wertvollen Film digitalisieren und stellte eine Kopie dem Dresdner Verkehrsmuseum zur Verfügung.

 Bei einem Kinobesuch im Faunpalast auf der Leipziger Straße lernte ich den Filmvorführer Kurt Moser kennen und erzählte ihm von meiner Filmsammlung. Zufällig wohnte er ganz in unserer Nähe auf der Pillnitzer Landstraße neben dem Gasthaus "Königs Weinberg". Er lud mich zu einem Besuch ein. Die Wände seines Zimmers waren zu meinem Erstaunen mit Filmplakaten der großen UFA-Filme förmlich tapeziert. Er erzählte mir, er sei im Krieg als Kameramann für die sogenannte Propaganda-Kompanie tätig gewesen. Während eines Kurzurlaubs im März 1945 hatte er die Ruinen der Innenstadt gefilmt. Das sind die ersten und einzigen bewegten Bilder unmittelbar nach der Zerstörung. Wer heute die Filme der unzerstörten Stadt sieht und mit den grauenvollen Bildern der Zerstörung vergleicht, ist zutiefst erschüttert. Kurt Moser übergab mir eine Kopie des Films, der auch noch in weiteren Kopien erhalten ist. Wie es überhaupt von Filmen kein wirkliches "Original" gibt, sondern nur Kopien vom Negativ.

Das ehemalige Kino "Faunpalast" auf der Leipziger Straße, in dem Kurt Moser Filmvorführer war, um 1992. Foto: Ronald Bunge
Das ehemalige Kino "Faunpalast" auf der Leipziger Straße, in dem Kurt Moser Filmvorführer war, um 1992. Foto: Ronald Bunge

 Filmfund in Tirol

 Es bedarf einer ausführlichen Schilderung, wie die frühesten Filme, die in Dresden aufgenommen wurden, in mein Archiv gelangten. Aus München zurückgekehrt, wohnten wir 1995 wieder in Dresden und unternahmen gemeinsam mit Münchner Freunden eine Reise nach Südtirol. Während einer Wanderrast kamen wir mit einem einheimischen Bergführer ins Gespräch, der wohl an unserem Dialekt erkannte, dass wir aus Sachsen kommen. Als wir erklärten, dass wir aus Dresden stammen, erzählte er uns, wie er als 19-jähriger Wehrmachtssoldat dort im Februar 1945 nach der Bombennacht bei der Leichenbergung mithelfen musste. Während er sprach, hatte er Tränen in den Augen, so sehr war er noch nach Jahrzehnten von diesem schrecklichen Erlebnis betroffen. Da er Lichtbildervorträge über die Bergwelt seiner Heimat hielt, wollte er auch zu einem Vortrag nach Dresden kommen. Wir tauschten unsere Adressen und verabschiedeten uns.

 Nach einigen Monaten erhielten wir von Toni Mahlknecht, so hieß der Bergführer, überraschend Post aus Welschnofen im Eggental. In seinem Brief vom 25. Februar 1996 schrieb er uns:"Da liegt im Dachboden eines Bauernhofes in meiner Nähe eine Kiste voller Filme, deren Zukunft nur Ihre Heimat sein kann. Es sind dies alles Kurzfilme, wofür es zur Vorführung keinen Projektor weit und breit mehr gibt, Filmlänge 5 -12 Meter. Ich lege einige Repros bei und ein Dia mit der Abbildung einer Filmblechschachtel, habe einige Meter Filmmaterial von verschiedenen Rollen aufgemacht und es dreht sich immer wieder um Szenen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, vieles betrifft den Dresdner Zoo. Ich kann nicht beurteilen, ob es für Sie interessant ist, dieses Material anzuschauen. Kein Mensch weiß, wie diese Holzkiste auf den Hof gekommen ist. Die Alten sind verstorben und von den Jungen weiß niemand nichts. Würde mich sehr freuen, von Ihnen zu hören. Herzlichst grüßt Sie Toni Mahlknecht"

 Wir fuhren umgangen nach Südtirol und gemeinsam mit Toni Mahlknecht besuchten wir die Familie Weissensteiner im Fleckerhof in St. Nicolaus im Eggental.

 Es war ein wirklich sensationeller Fund, der uns dort erwartete: In einer Holzkiste lagen eingewickelt in eine Wiener Zeitung von 1905 insgesamt 33 Filmbüchsen, darunter die frühesten Filmaufnahmen von Dresden aus dem Jahr 1903. Hersteller der Filmstreifen mit einer Breite von 17,5 mm und einem Perforationsloch in der Mitte des Films war die weltberühmte Firma Heinrich Ernemann aus Dresden. Aufgenommen wurden sie mit der ersten Amateurfilmkamera der Filmgeschichte, die den Namen "KINO" trug, eine Wortschöpfung, die bis heute populär ist. Das "KINO", ein universell als Kamera, Projektor und Kopiermaschine einsetzbares Gerät, wurde nur bis 1913 produziert. In meiner Sammlung hatten wir eine solche heute sehr seltene Kamera, die sich auch zur Betrachtung der Filme eignete, mit nach Südtirol genommen. So konnten wir nach 90 Jahren sehr zum Erstaunen der Bauersleute und Toni Mahlknechts die Filme wieder zum Leben erwecken.

Die in Südtirol aufgefundenen 17,5-mm-Filme: 33 Filmdosen u.a. mit sieben Dresden-Filmen, Foto aus der Videoaufnahme.
Die in Südtirol aufgefundenen 17,5-mm-Filme: 33 Filmdosen u.a. mit sieben Dresden-Filmen, Foto aus der Videoaufnahme.

 Sieben Filme betrafen Dresden, die in der Ernemann-Filmliste Nummer 6 als Verkaufsfilme aufgeführt sind. Diese Liste umfasst insgesamt 236 Titel, in der auch die 33 Filme, die in Südtirol lagen, aufgeführt sind.

 Alle Dresden-Filme erhielten wir von der Familie Weissensteiner großzügig geschenkt. Von besonderem stadtgeschichtlichem Wert sind die Nummer 419a - "Altmarkt, lebhafter Straßenverkehr, Verkäufer von Extrablättern"- sowie die Nummer 419b - "Fahrt mit der Straßenbahn über die Augustusbrücke, außerordentlich lohnender Umblick, der Höhepunkt: wir begegnen der Wachparade" – wie es im Katalogtext heißt. Man sieht die Straßenbahn noch über die alte Augustusbrücke fahren, die Zwingerbaumeister Daniel Pöppelmann im 18. Jahrhundert umgebaut und verbreitert hatte, jedoch später wegen der vielen Pfeiler ein Hindernis für den zunehmenden Schiffsverkehr bildete und 1907 abgerissen wurde. Die weiteren Filme zeigen einen Besuch von Kaiser Wilhelm II. 1908 in Dresden und die Ankunft des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand auf dem Hauptbahnhof. Von zahlreichen Vorreitern eskortiert, folgen die Kutschen mit den hohen Herrschaften. Der sächsische König trägt eine österreichische Uniform und der Gast eine sächsische. Mit dem Wechsel der Uniformen erwiesen sich Gast und Gastgeber gegenseitige Reverenz.

 Bei diesen frühen Filmen darf man keine unterschiedlichen Einstellungen erwarten. Das bewegte Bild allein war schon Sensation genug. Die Kamera stand fest auf einem Stativ und der Film wurde mittels der Handkurbel mit 16 Bildern pro Sekunde transportiert. Bei einer Filmlänge von 12 bis 20 Metern dauert jede Vorführung nur 20 bis 40 Sekunden und erfolgt ebenfalls per Hand. Die Filme sind nach über einhundertundzehn Jahren sehr ausgetrocknet und brüchig und können nicht mehr vorgeführt werden. Um die Filme zu erhalten, suchte ich lange nach einer Möglichkeit, sie auf klassische Weise wieder auf Filmmaterial zu kopieren.

 Bei der Firma Andec-Film in Berlin lernte ich Ingenieur Meinshausen kennen, der auf einer Oxberry-Kopiermaschine die KINO-Kamera montierte. Auf dieser kombinierten Maschine vergrößerte er optisch in mühevoller Handarbeit jedes Bild der 17,5-mm-Filme einzeln auf 35 mm breiten Negativfilm, der anschließend entwickelt und kopiert wurde. Diese Filme sind unterdessen digitalisiert, eine Kopie davon übergab ich dem Dresdner Stadtmuseum.

 Die inhaltliche Erschließung der Filme, die Ermittlung der genauen Aufnahmeorte und -anlässe sind oft Zufällen zu verdanken. So zeigte ich einmal die Filme im Institut für Denkmalpflege. Die Bibliothekarin Annelies Schütz kam nach der Vorführung zu mir und sagte, dass auf einem der Filme der König vom Hof ​​der Schokoladenfabrik Jordan & Timaeus auf der Alaunstraße 27 zur Parade auf dem Alaunplatz reitet. Erst dort im Hof ​​stiegen nämlich die hohen Herrschaften auf's Pferd, nachdem sie vom Schloss mit der Kutsche durch die Stadt gefahren waren. Der aufmerksame Zuschauer erkennt auf dem Film sogar die Hausnummer 27. Durch intensive Beschäftigung mit den alten Filmen lernte ich viel über die Stadtgeschichte. Ich hoffe, dieses Wissen zu jedem der Filme aus meiner Sammlung noch erweitern und später weitergeben zu können.

 Häufig konnte ich auch Filmnachlässe von Amateuren übernehmen, deren Nachkommen keine Vorführgeräte mehr besaßen, die aber an einer DVD-Kopie interessiert waren. So übernahm ich den Filmnachlass des Dresdner Arztes Dr. Schneider, der seit 1928 "Filmtagebücher" und "Jahresschauen" auf 16-mm-Film aufgenommen hatte. Er war Mitglied der Sektion Dresden des Bundes Deutscher Filmamateure (BDA) und gestaltete seine Filme sehr sorgfältig. So filmte er die berühmten Ausstellungen im Ausstellungsgelände im Großen Garten, darunter auch die Reichsgartenschau von 1936.

 Im Film "Das schöne Dresden" zeigte er nicht nur die Schokoladenseite der Stadt, sondern in eindrucksvoller Nah- und Großaufnahme das tägliche Leben, den Straßenverkehr, und, - Blicke herab vom Rathausturm -, Dächer, Hinterhöfe und rauchende Schornsteine, auch spielende Kinder an der Frauenkirche und wie Tauben am Justitiabrunnen auf dem Neumarkt gefüttert werden. Auch wenn man die Personen auf diesen Familienfilmen nicht kennt, sind die Bilder doch sehenswert.

Die Zeit der VHS-Videos beginnt

 In meiner Sammlung bewahre ich auch meine eigenen Filme auf, u.a. die nicht verwendeten, ausgemusterten Aufnahmen der aktuellen Bildberichte. Da ich seit 1953 Tagebuch führe, kann ich den Filmen genau Tag, Ort und Anlass der Reportage zuordnen.

 Von längeren Filmen, die ich als Regie-Kameramann gestaltete, bewahre ich die Belegkopien auf. Entweder sind es die Arbeitskopien nach dem Schnitt oder aber die sogenannten Korrekturkopien. Beim damaligen Stand der Technik mussten vom fertig geschnittenen Negativ mehrere Kopien angefertigt werden, bevor die gewünschte Farbqualität erreicht wurde. Die dritte Korrekturkopie war meist schon in Ordnung, wurde aber gewöhnlich vernichtet. Die Lichtbestimmerin im Kopierwerk, eine gute Freundin von uns, bewahrte die Kopien aber auf und übergab sie mir später.

 Vor 1989 führte ich die Filme nur selten Verwandten, Freunden und Kollegen im kleinen Kino im Keller unseres Hauses vor. Öffentlich zeigte ich die Filme nie, denn die Vorführung von Filmen besonders aus der Zeit nach 1933 hätte unweigerlich deren Beschlagnahme bedeutet. Es war allerdings bekannt, dass ich alte Filme sammelte, und so tauschte ich besondere Raritäten mit dem Staatlichen Filmarchiv der DDR aus - es gelang mir dadurch, mich vor Repressalien zu schützen.

 Ziemlich schnell veränderte sich in den 1990er Jahren die Filmtechnik hin zur elektronischen Aufnahme und Wiedergabe. Die Kinos spielen zwar noch bis etwa 2010 Filmkopien. Für den Heimgebrauch trat die Videokassette VHS, das "Video-Home-System" seinen Siegeszug an. Erste noch sehr große Videobeamer mit drei Farbröhren zur Projektion kamen auf.

Anfang der 90er Jahre ließ ich in München bei der Firma Gürtler die wichtigsten Filme vom alten Dresden auf analoge BETA-Cam-Kassetten umspielen und stellte aus meinen Archivbeständen gemeinsam mit Sohn Konrad den ersten Videofilm mit dem Titel "Dresden in den 20er Jahren" zusammen. Endlich konnten nun die alten Filme öffentlich gezeigt werden! Die Dresdner strömten im Dezember 1993 in Scharen ins Blockhaus am Neumarkt, wo täglich mehrmals Aufführungen - gemeinsam veranstaltet mit der Tageszeitung "Dresdner Neueste Nachrichten" - stattfanden. Die mit Spannung erwartete erste Folge der Dokumentation vom Wiederaufbau der Frauenkirche mit dem Titel "Die steinerne Glocke" war ebenfalls fertig geworden und konnte gezeigt werden. Die Videokassetten waren ein Verkaufsschlager. Nun ruhten die Filme nicht mehr im Archiv, sondern wurden nach Jahrzehnten zur Freude der Zuschauer endlich gezeigt.

 "Film im Zelt" nannte sich eine Veranstaltung des Staatsschauspiels Dresden am 28. März 1994. Wegen Umbau war das Schauspielhaus geschlossen und im Hof ​​des ehemaligen Marstalls hinter dem Zwinger ein großes Zirkuszelt errichtet worden, in dem die Aufführungen des Staatsschauspiels stattfanden. An diesem ungewöhnlichen Ort flimmerten auch die Filme aus dem alten Dresden über die Leinwand.

 Einen besonderen Aufführungsort hatten wir uns im Sommer 1994 ausgedacht: In den kühlen Kasematten unter der Brühlschen Terrasse erfolgte die Premiere der zweiten Folge der "Steinernen Glocke", und es gab das alte Dresden in historischen Filmen zu sehen. Vier Stunden täglich war ich nicht nur der Vorführer, sondern kommentierte auch die Filme.

Auf der Brühlschen Terrasse mit Werbebanner für die Filmvorführung in den Kasematten, 1994. Foto: Konrad Hirsch
Auf der Brühlschen Terrasse mit Werbebanner für die Filmvorführung in den Kasematten, 1994. Foto: Konrad Hirsch

 Die Terrassen am Königsufer unterhalb des Finanzministeriums sind ein einmaliger Ort für die "Filmnächte am Elbufer". Im Sommer 1994 war es noch möglich, traditionelle Filmrollen mit den sehr lichtstarken Projektoren vorzuführen. So vertraute ich dem Vorführer René Giesinger die wertvollen Originalkopien von 1920 bis 1939 an. Sogar die Vorführgeschwindigkeit war regelbar und stimmte mit der ersten Aufnahmegeschwindigkeit von 16 Bildern pro Sekunde überein. Dadurch kam es nicht zu den sonst für historische Streifen typischen hektischen Bewegungen der Personen. Auch hier kommentierte ich die Filme live. Auf der riesigen Bildwand war die historische Stadt im Schwarz-Weiß-Film zu sehen, als Hintergrund dazu auf der gegenüberliegenden Elbseite real das beleuchtete farbige Panorama der Stadt. Es fehlte allerdings noch die Frauenkirche. Es war eine einmalige Kombination von Vergangenheit und Gegenwart. Der Film der zerstörten Stadt, aufgenommen von Kurt Moser im März 1945, bildete den nachdenklichen Schluss der Filme aus 34 Jahren Stadtgeschichte.

Mich erfüllt die Gewissheit, nicht nur zur eigenen Freude Filme zu gesammelt haben, sondern auch den nachfolgenden Generationen mittels meiner "Zeitmaschine" einen Rückblick in die Vergangenheit zu ermöglichen.

Mehr von und über Ernst Hirsch

In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie mehr über Ernst Hirsch und seine Dresdner Filmschätze. Das vorangegangene Kapitel über seine Filme im eigenen Auftrag können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER. In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.

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