Autorin Jeanine Thürbeck mit ihrem Buch "Die Mutti lebt". Foto: Privat
Der 13./14. Februar 1945 markiert ein furchtbares Datum in der Geschichte der Stadt Dresden. Nichts war mehr wie vorher. Nach der Bombardierung lag die Innenstadt in Trümmern. Ein gewaltiger Feuersturm fegte durch die Stadt, riss Tausende Menschen in den Tod. Die Zeitzeugen, die die Bombardierung Dresdens er- und überlebt haben, werden immer weniger. Zu ihnen gehörte die 2019 verstorbene Else Lorenz. Sie hat ihre Erlebnisse ihrer Enkelin Jeanine Thürbeck hinterlassen. Daraus entstand das Buch "Die Mutti lebt".
"Im Dezember 2015 habe ich ein Gespräch mit meiner Großmutter Else aufgezeichnet. Das ist die Grundlage des Buches", erklärt Jeanine Thürbeck. Diese Tonaufzeichnung hat die heute in Thüringen lebende Enkelin zu einer literarischen Erzählung verarbeitet. "Gerade in dieser Zeit, in der wir leben - umgeben von Kriegen und Krisen - war mir das wichtig. Wenn ich all die furchtbaren Nachrichten sehe, dann denke ich oft bei mir: Habt ihr euch nie mit euren Großeltern unterhalten, die den Krieg erlebt haben?"

Die 1929 geborene Else wuchs als Kind in Dresden, dann bei den Großeltern in Rothnaußlitz auf. Denn Elses ledige Mutter arbeitete in Dresden und wohnte im Februar 1945 in der Zwickauer Straße 6. Als am 13. Februar die Bomben fielen, sah die damals 16-jährige Else den Feuersturm am Horizont. Wir schrecklich muss es für das Mädchen gewesen zu sein, zu wissen, dass ihre Mutter genau dort ist, wo das Inferno wütet. Dresden brennt - und ihre Mutter ist mittendrin. Nach dem zweiten Angriff am 14. Februar hielt es Else nicht mehr aus. Sie fuhr mit dem Zug bis zum Bahnhof Neustadt, kämpfte sich durch die in Trümmern liegende Stadt zur Adresse der Mutter.
"Um den Weg meiner Großmutter durch die Trümmerstadt genau zu beschreiben, habe ich viel recherchiert. Das hat länger gedauert als das Schreiben. Aber ich wollte alles genau wissen zu den Gebäuden und Straßen", sagt Jeanine Thürbeck.
"Am Ende des Pfades, dort, wo er auf einen kleinen Platz mündet und sich die eingeengte Sicht auf einige abzweigende Straßenzüge weitet, blickt Else mehrere hundert Meter in die tiefe Flucht der Zwickauer Straße hinein. Unendlich schwarz ist die Sicht. Die Stadt ist auch hier nicht sie selbst geblieben. Jedes haus ist ausgebrannt und gebrochen. Zwischen diesen finsteren Häuserzeilen wird der Tag noch einmal dunkler, noch einmal mehr ergreifen Else die Schatten der ausgehöhlten Häuserleichen. Wie Else sich sicher ist, vor der Hausnummer 6 zu stehen, hört das Denken wider auf. Das Atmen auch. Gefühllose Stille erfasst Else ganz und gar. Das Haus gibt es nicht mehr", schreibt Jeanine Thürbeck. Dass es ein Wiedersehen gibt, verrät der Buchtitel.


"Trotz dieser traumatischen Erlebnisse war meine Großmutter ein sehr warmherziger Mensch. Sie steht stellvertretend für all jene, die Krieg nicht planen, nicht führen, nicht kommentieren - sondern ihn ertragen müssen. Durch ihre Erzählungen bin ich in dem Wissen aufgewachsen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist", sagt die Dresdner Autorin. "In Anbetracht der aktuellen politischen Situation war es mir ein Anliegen, die Geschichte jetzt zu veröffentlichen."
Das Buch „Die Mutti lebt“ (tredition, 110 Seiten, 12,90 Euro) ist im Buchhandel, online unter shop.treditition.com erhältlich. Für Lesungen Kontakt per E-Mail an jeanine.thuerbeck@gmx.de. "Egal ob im Militärhistorischen Museum, in Schulen, im Panometer, wo schon ein Panoramabíld vom zerstörten Dresden hing, oder an andern Veranstaltungsorten - ich möchte die Geschichte meiner Großmutter vielen Menschen zu Gehör bringen", wünscht sich Jeanine Thürbeck.