Von Canaletto bis Dix & Querner - Ernst Hirsch Teil 18

Filmteam und Modell bei Otto Niemeyer-Holstein, 1975.

Filmteam und Modell bei Otto Niemeyer-Holstein, 1975.

Der Dresdner Kameramann Ernst Hirsch erzählt über seine Begegnung mit Kunst und Künstlern.

In seiner Autobiografie "Ernst Hirsch - Das Auge von Dresden" lässt der Dresdner Kameramann seinen Leser daran teilnehmen, wie er einen Bezug zur Kunst fand und sich immer intensiver mit Künstlern und ihren Werken auseinandersetzte. 

Kunst wird Film

In meiner Kinder- und Jugendzeit blieben kriegsbedingt fast alle Museen und Galerien in Dresden geschlossen, weil die Kunstwerke bereits ab 1939 an sichere Orte gebracht worden waren. Ein Museumsbesuch war nicht mehr möglich und ich wusste nichts von Kunst.

Mein Vater rauchte Zigarren und Zigaretten. In den Zigarettenschachteln entdeckte ich bunte Bilder. Es machte mir Freude, diese in Sammelalben einzukleben, die ich mir dann oft ansah. Besonders betrachtete ich das Album "Die Malerei des Barock". Ich erfreute mich an den Bildern, deren Motive ich jedoch nicht verstand. Beeindruckt war ich von dem Gemälde "Die büßende Magdalena" des italienischen Malers Pompeo Batoni. Eine Frauengestalt liegt mit gefalteten Händen in einer Höhle und liest in einem Buch. Ganz im Hintergrund sieht man einen hellen Lichtschein, den Ausgang der Höhle.

Die erste Begegnung mit einem Bild der Dresdner Galerie hatte ich in der Wohnung der Eltern meines Klassenkameraden Hans Baranowsky auf dem Weißen Hirsch. Sein Großvater, Prof. Alexander Baranowsky, war ein bekannter Maler und Bühnenbildner und hatte das Gemälde "Bathseba am Brunne" von Rubens kopiert. Es hing mit goldenem Rahmen im Originalformat von 1,80 x 1,30 Meter im Salon der Familie und ich schaute es mir bei meinen Besuchen bei Hans gern an. War es die Szenerie oder die Nacktheit, die den Halbwüchsigen faszinierte?

Bereits 1946 war im Schloss Pillnitz mit den in Dresden verbliebenen Restbeständen der Gemäldegalerie ein Museum eröffnet worden. Als wir 1953 unseren ersten Film über "Park und Schloss Pillnitz" drehen, zeigten wir nur die Gebäude des Schlosses, die Gartenanlagen und den Park, jedoch keine Innenaufnahmen. Als die Kunstschätze 1956 nach Dresden zurückkehrten, berichteten wir häufig darüber. Plötzlich sah ich die Gemälde im Original, von denen ich bis dahin nur kleine Reproduktionen kannte. Das war ein tolles Erlebnis für mich, die erste wirkliche Begegnung mit Kunst. 

Die Heimkehr der Madonna 

Über den Verbleib der Dresdner Kunstschätze hatte es immer nur Vermutungen gegeben. Als Kriegsbeute nach Russland transportiert, hieß es unter der Hand. Doch dann kam der größte Teil der Kunstschätze auf Beschluss der Regierung der Sowjetunion tatsächlich zurück. Die Propaganda baute es als große Rettungsstat auf, die Sowjetsoldaten wurden als Hüter der Kultur gefeiert. Aber es ist schon eine einmalige Tatsache gewesen, eine solche Menge an Kunstschätzen aus einem Land zurückzuerhalten, welches von Deutschland mit Krieg überzogen wurde und wo so viel zerstört wurde. Die Russen hätten die Kunstwerke durchaus als Kriegsbeute behalten können. So viel Leid, so viele Menschenverluste hatten sie erlitten.

Am Freitag, dem 27. April 1956, trafen die ersten Transporte in Dresden ein. Ich stehe mit meiner großen schweren 35-mm-Kamera auf dem Theaterplatz und filmte im Durchgang zum Zwinger, wie die Bilder aus den Möbelwagen der Firma Schmidt ausgeladen wurden. Erst nach der Rückkehr der Gemälde und der Wiedereröffnung der Sempergalerie interessierte ich mich mehr und mehr für die bildende Kunst. Ich betrachtete aufmerksam die Gemälde, untersuchte deren Motive, die Komposition und die Lichtführung.

In der ersten Reportage zum Thema Dresdener Kunstschätze mit dem Titel "Der Menschheit erhalten" zeigten wir nicht nur einige der zurückgekehrten Kunstwerke, sondern fuhren auch zu den Aufbewahrungsorten, in denen die Bilder, Kupferstiche, die Schätze des Grünen Gewölbes und der Porzellansammlung im Krieg ausgelagert gewesen waren.

Ein längerer Film, in dem wir über die Rettung und Rückführung der Dresdner Kunstschätze erzählten, hatte den Titel "Die Heimkehr der Madonna". Gemeinsam mit Ulrich Teschner als Regisseur und einem Berater, dem Sekretär des sowjetischen Künstlerverbandes, Boris Ponomarjow, der extra aus Moskau gekommen war, begannen wir mit der Arbeit. Ponomarjow sagte uns: "Ich beteilige mich nur an dem Film, wenn ihr nicht weiter die Lügen wie in dem Film '5 Tage - 5 Nächte' von 1961 verbreitet, dass die Bilder im Feuchten an den Tunnelwände gestanden hätten. Ihr müsst wahrheitsgemäß berichten, was mit den Bildern wirklich geschehen ist!" Er erzählte uns, dass er als junger Offizier dabei war, als der Tunnel von Cotta ausgeräumt wurde. Die verpackten und gesicherten Bilder standen in Eisenbahnwaggons. Erst am 8. Mai 1945 war der Strom im Tunnel ausgefallen und die Entfeuchtungsaggregate dadurch außer Betrieb. Das sei nach Aussagen von Zeitzeugen nur ein paar Tage lang so gewesen. Die Russen haben die Bilder sofort geborgen. In den Auslagerungsorten wären sie sonst bald zerstört worden. Boris Ponomarjow wollte, dass das endlich richtig gestellt wird. Und so haben wir das im Film auch gezeigt. Wir fuhren mit ihm zum Tunnel im Cottaer Sandsteinbruch, wo noch die Schienen zu sehen waren, auf denen die Waggons gestanden hatten. Wir besuchten die Schlösser Weesenstein und Pillnitz. Dort zeigte er uns, wo sein Kommando damals untergebracht war. Im Filmarchiv in Moskau fanden wir eine Szene, in der Ponomarjow mit einigen Angehörigen des Bergungstrupps durch den Schlossgarten in Pillnitz geht.

Das Schloss Pillnitz war im Sommer 1945 aus Sicherheitsgründen hermetisch abgeriegelt und zum vorübergehenden Sammelpunkt der Kunstwerke bestimmt worden. In den Räumen würden die Bilder einige Monate aufbewahrt, um dann nach Moskau gebracht zu werden. Im Schloss Weesenstein waren die Schätze des Kupferstichkabinetts untergebracht. Für unsere filmische Arbeit war das alles hochinteressant. Wir sind mit den unterschiedlichsten Leuten zusammengekommen, die seinerzeit dabei waren. Herr Götze aus Pockau-Lengefeld, Sprengmeister im dortigen Kalkbergwerk, erzählte uns alles aus eigenem Erleben. In den großen Höhlen waren Baracken aufgestellt worden, in denen die Porzellansammlung sicher aufbewahrt wurde. Für den Abtransport der großen Kisten mit ihrem wertvollen Inhalt wurde ein besonderer Schrägaufzug gebaut. Eine Kiste sei allerdings abgestürzt, erzählte der Sprengmeister.

Die Russen haben die Bilder und andere Kunstschätze damals wirklich gerettet und sorgfältig geborgen. All diese Tatsachen gingen ein in unseren Film, der ein gerechteres Bild der tatsächlichen Verhältnisse lieferte. Wir bekamen sogar von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft eine Anerkennung nebst Urkunde und Medaille. Wenn man den Film heute anschaut: Ein wenig zu euphorisch, aber er ist exakt, ein gut recherchierter dokumentarischer Film.

Kostbarkeiten aus Dresdner Sammlungen

 Unter diesem Titel wurden vom Dresdner Fernsehstudio Aufträge für Filme vergeben, von denen ich einige realisieren konnte. So über die Gemälde der italienischen Malerschulen, die deutsche Malerei der Dürerzeit, die Bilder der Niederländer und über einzelne Werke, wie das "Selbstbildnis mit Saskia" von Rembrandt. In diesem Film berichtet Frau Dr. Annaliese Mayer-Meintschel, seinerzeit Direktorin der Galerie, über ihre Forschungsergebnisse zum Bild und neue Erkenntnisse durch Röntgenaufnahmen. Selbstverständlich hatten wir immer Fachleute und Kunsthistoriker für die wissenschaftliche Beratung und für den Text zur Seite.

Die filmische Darstellung der unbelebten Motive erforderte eine besondere Technik. Die Aufnahmen erfolgten in den 1960er bis 1980er Jahren ausschließlich auf 35-mm-Farbfilm, der nicht besonders empfindlich war und viel Licht benötigte. Die Ausleuchtung der Bilder in der Galerie, die wegen ihrer großen Formate nicht von der Wand genommen werden konnten, mit Scheinwerfern lehnte der Chefrestaurator Professor Weber wegen der Erwärmung der Bildoberfläche aus verständlichen Gründen ab. Was tun? Mein Freund Wolfgang Schiebel, Kameramann im Trickfilmstudio, empfahl mir, die sogenannte Einzelbildkamera zu nutzen, eigentlich eine normale Filmkamera mit einem besonderen Schaltwerk.

Bei einer Belichtungszeit je Einzelbild von zwei Sekunden kommt man mit viel weniger Licht aus. Allerdings erfordern 24 Einzelbilder für eine Sekunde Filmlaufzeit viel Geduld. Um Schwenks und Fahrten auszuführen, bedurfte es komplizierter Berechnungen. Für eine Minute im fertigen Film waren 1.440 Einzelbilder nötig, für den 33 Minuten langen Film insgesamt 47.520 Einzelbilder. Wir verbrachten manche Nacht vor den Bildern in der Galerie, konnten aber ungestört arbeiten. Zugleich eine wunderbare Erfahrung, ohne Besucher, in völliger Stille die Details der Meisterwerke aus größter Nähe betrachten zu können. Anfangs kontrollierte der besorgte Herr Weber die Temperatur der Gemälde persönlich mit einem Thermometer an der Bildoberfläche: "Keine Erwärmung", stellte er fest: "Ihr könnt arbeiten, so lange ihr wollt."

Ein Venezianer malte Dresden

Die 14 Dresdner und 11 Pirnaer Stadtansichten – sogenannte Veduten – des italienischen Malers Bernado Bellotto, genannt Canaletto, der ab 1747 als Hofmalerin Dresden wirkte, zogen mich von jeher in ihren Bann. Diese Bilder waren nicht mit nach Russland genommen worden, wohl auch, weil seit dem Erwerb der Sammlung Brühl durch die russischen Zarin 1769 bereits viele Zweitfassungen in der Leningrader Eremitage hingen. Einige Gemälde Canalettos wurden bereits ab 1946 im Schloss Pillnitz ausgestellt. In der wiedereröffneten Gemäldegalerie hingen nur vier Veduten im sogenannten "Canalettogang", die meisten befanden sich im Depot. Meine Idee war, einen Rundgang durch das barocke Dresden des 18. Jahrhunderts filmisch mit den Gemälden Canalettos zu gestalten und dieses Vorhaben mit der Trickfilmkamera zu realisieren. Dabei wollte ich aber nicht nur die Gesamtansichten der Bilder, sondern vor allem Details in Nah- und Großaufnahmen zeigen. Durch Kamerafahrten und Schwenks wollte ich versuchen, dem Betrachter den Reichtum an Einzelheiten nahezubringen, die ob der Fülle des Dargestellten oft übersehen werden.

Ernst Hirsch bei der Arbeit am Canaletto-Film, 1971. Foto: Steffen Krahl
Ernst Hirsch bei der Arbeit am Canaletto-Film, 1971. Foto: Steffen Krahl

Beim Fernsehen trug ich meine Idee vor und obwohl ich seit drei Jahren dort nicht mehr fest gestellt war, bekam ich den Auftrag. Die fachliche Beratung leitete der Kustos der Galerie, Dr. Angelo Walther, damals der beste Kenner der italienischen Malerei und der Werke Bellottos. Ich verfasste ein Bilddrehbuch mit 183 Detailfotos und genauer Beschreibung der Motive, des Bildausschnittes, der Kamerabewegungen und der Sekundenlaufzeit in jeder Filmszene. Die Kunstsammlungen, besonders der Leiter der Restaurierungswerkstatt, Professor Weber, unterstützten das Vorhaben bereitwillig. Die einzelnen Bilder brachten uns die Mitarbeiter aus dem Depot in einen besonderen Raum ohne Fenster. Mein Kollege Steffen Krahl als Assistent und ich konnten ungestört arbeiten. Die technische Ausrüstung - Kamera, Schienen, Lampen - konnte während der gesamten Zeit stehen bleiben. Ganz nah erfassten wir die wunderbaren Details, die kleinen Staffagefiguren: noble adlige Herren, Bürger, Marktfrauen, Soldaten. Hoch oben auf der Frauenkirche sind Handwerker mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Auf dem Neumarkt ist vor dem Gewandhaus eine Bühne aufgebaut, Quacksalber, Gaukler und spielende Hunde sind zu sehen. In seiner prunkvollen Kutsche, gezogen von sechs Pferden, fährt der Kurfürst über den Neumarkt zum Stallhof, in dem sich damals die Gemäldegalerie befand. Das vom Format her größte Bild, ein Blick von der Festung Sonnenstein auf die Stadt Pirna, war im Schloss Pillnitz deponiert, wir nahmen das drei mal zwei Meter große Bild dort im Festsaal auf. Vom 26. Oktober bis zum 1. Dezember 1971 drehten wir in der Galerie. Nach der Endfertigung, Schnitt und Vertonung mit einem Text, den Dr. Walther verfasst hatte, wurde der Film am 24. Dezember 1971 unter dem Titel: "Ein Venezianer malte Dresden" im Fernsehen gesendet. Viele Betrachter des Films waren verblüfft: So hatten sie die Bilder Canalettos in ihren Einzelheiten und nun im Zusammenhang als Spaziergang durch das barocke Dresden des 18. Jahrhunderts noch nie wahrgenommen.

Das Zweite Deutsche Fernsehen sendete den Film im Weihnachtsprogramm 1973 als Übernahme vom DDR-Fernsehen. Erst durch Verwandte aus dem Westen, die uns eine Rundfunkzeitung mit Bild verschickten, erfuhren wir davon.

Der Film brachte mir noch auf andere Weise Glück: Im Oktober 1986 sollte in Venedig auf der Insel San Giorgio Maggiore in den Ausstellungsräumen des dortigen Klosters eine große Ausstellung mit den Dresdner Veduten Bellottos gezeigt werden, der auf diese Weise in seine Geburtsstadt zurückkehrte. Im Verlauf der Vorbereitungen der Ausstellung entstand die Idee, meinen Film in einer italienischen Sprachversion dort zu zeigen. Ich stellte beim Filmverband den Antrag, mit meinem Film nach Venedig reisen zu dürfen und erhielt tatsächlich einen Pass zur Ausreise aus der DDR. Der Film lief im Beiprogramm der Ausstellung. An anderer Stelle beschreibe ich diese Reise ausführlicher.

Die Bilder Canalettos beschäftigten mich später noch mehrmals. In der Reihe "Kostbarkeiten aus Dresdner Sammlungen" verfilmte ich z. B. 1984 gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Werner Kohlert ein einzelnes Canaletto-Bild: "Dresden von unterhalb der Augustusbrücke". Im Auftrag des Canaletto-Forums der Stadt Pirna kopierte der Maler Christoph Wetzel 1998/99 das Gemälde "Der Marktplatz von Pirna" in der Gemäldegalerie Alte Meister. Diese Gelegenheit nutze ich, um Wetzel dabei zu filmen. Seine Kopie des bekannten Bildes ist heute im Canaletto-Haus am Marktplatz in Pirna zu sehen.

Lange Zeit beschäftigte mich der Maler Bernardo Bellotto, der sich nach seinem Onkel Canaletto nannte, und ich sammelte alle verfügbare Literatur über ihn. Durch das genaue Studium der Bilder lernte ich viel über Dresdens Vergangenheit. Einen Wunsch hätte ich auch als Achtzigjähriger noch: mit den neuen Möglichkeiten der hochauflösenden digitalen Aufnahmetechnik nochmals einen Film über Bernardo Bellotto und seine Gemälde zu drehen. Aber es wird wohl bei dem Wunsch bleiben!

In der Reihe "Kostbarkeiten aus Dresdner Sammlungen" entstanden weitere Filme von jeweils 15 Minuten Laufzeit über einzelne Kunstwerke: Gemälde, Kupferstiche, Plastiken. Einer dieser Filme behandelte das berühmteste Dresdner Bild "Die Sixtinische Madonna".

Wie gern hätten wir in Italien im Kloster San Sisto in Piacenza gedreht, von wo das Bild einst nach Dresden gekommen ist. Stattdessen mussten wir uns aber, ähnlich wie bei den Filmen über den Maler Otto Niemeyer-Holstein, der einige Zeit in Ascona am Lago Maggiore in der Schweiz gelebt und gearbeitet hatte, mit dem Abfilmen von bunten Postkarten behelfen.

Filme mit bildenden Künstlern 

Zehn große Kunstausstellungen fanden in Dresden zwischen 1946 und 1988 statt - zumeist im Albertinum. Vor einigen dieser Ausstellungen besuchten wir Künstler im Atelier, um ihre Arbeit an neuen Bildern zu zeigen. Dabei ging ich wie folgt vor: Da ich wusste, wie sehr Filmaufnahmen mit einem großen Aufnahmeteam, Beleuchtern, Assistenten, Tonleuten usw., störten, besuchte ich meist nur mit meiner Frau Cornelia als Assistentin die Künstler in ihren Ateliers. Mit Zurückhaltung filmten wir die Szenerie und störten niemals mit Bemerkungen oder Wünschen. Unvermeidbare Laufgeräusche der Kamera bemerkten die in ihrer Arbeit vertieften Künstler nach einiger Zeit nicht mehr, ebenso wie unsere Anwesenheit und sagten danach oft: "Ich habe gar nicht bemerkt, dass gefilmt wurde."

Bei allen Filmen über bildende Künstler habe ich mich als Dokumentarist stets nur auf beobachtend verhalten, die Person und deren Arbeit nie zu irgendwelchen filmischen Experimenten benutzt. Ich war bestrebt, nur den Künstler und sein Werk für die Nachwelt festzuhalten. Dabei waren mir die Filme aus den 20er Jahren von Dr. Hans Cürlis aus seiner Filmserie "Schaffende Hände" Vorbild, in denen er damals schon in Nahaufnahmen den bildnerischen Schaffensakt zeigte. Cürlis hatte Lovis Corinth, Max Liebermann, Heinrich Zille, Otto Dix und viele andere Künstler bei der Arbeit im Atelier und in der freien Natur gefilmt. 

Künstler zeichnen 

Im September 1974 war im Albertinum in Dresden die Ausstellung "Zeichnungen in der Kunst der DDR" zu sehen. Zur Eröffnung der Ausstellung sollte anstelle von langen Reden und Musikstücken ein Film gezeigt werden. Dr. Werner Schmidt, der Direktor des Kupferstichkabinetts hatte die Idee dazu und wandte sich an mich. Schmidt hatte sieben Künstler ausgewählt, die beim Zeichnen aufgenommen werden sollten. Da er zu den Künstlern gute Verbindungen hatte, meldete er uns bei ihnen an. Es waren Otto Niemeyer-Holstein in Koserow auf Usedom, Lea Grundig, Gerhard Kettner, Curt Querner und Max Uhlig aus Dresden, Arno Mohr aus Berlin und Werner Tübke aus Leipzig.

Wilhelm Rudolph beim Zeichnen, um 1975. Foto: Ernst Hirsch
Wilhelm Rudolph beim Zeichnen, um 1975. Foto: Ernst Hirsch

Cornelia und ich fuhren ohne weitere Helfer zu den Künstlern. Otto Niemeyer-Holstein zeichnete ein Porträt von Cornelia im Garten vor seinem Haus. Mit einem langen Bambusstab, an dem die Zeichenkohle befestigt war, "tüpfelte" er, wie er es nannte, die Zeichnung. Lea Grundig und Gerhard Kettner zeichnenen in ihren Ateliers in der Kunsthochschule auf der Brühlschen Terrasse, Curt Querner im Garten seines Hauses im Dorf Börnchen. Arno Mohr schuf direkt auf dem Stein eine Lithographie, auf der er sich selbst in Berlin vor dem Bode-Museum auf der Spreebrücke darstellte und anschließend druckte er sie in der Künstlerwerkstatt im Monbijou-Garten. Werner Tübke zeichnete das Porträt einer Studentin in seinem Amtszimmer der Hochschule in Leipzig. Max Uhlig arbeitete im Atelier im Künstlerhaus in Dresden-Loschwitz. Alle Aufnahmen gestalteten wir in der schon beschriebenen Weise ohne großen technischen Aufwand. Die knappen Texte zu den einzelnen Künstlern schrieb Werner Schmidt. Der Dresdner Komponist Matthias Kleemann komponierte zu jeder der sieben Episoden eine besondere Musik. Der Film, auf Schwarz-Weiß-Material aufgenommen, hat eine Laufzeit von 32 Minuten. Die Uraufführung zur Eröffnung der Ausstellung fand im Rundkino auf der Prager Straße statt. Der Film ist nach 40 Jahren ein besonderes Dokument der DDR-Kunstgeschichte.

Mit unserer diskreten Arbeitsweise hatten wir das Vertrauen der Künstler gewonnen und konnten danach zum Beispiel mit Otto Niemeyer-Holstein einen längeren farbigen Porträtfilm "Signiert links unten" in seinem Refugium in Lüttenort, genannt "tabu",an der Ostsee drehen.

Auch den Maler Curt Querner lernte ich durch den Film "Künstler zeichnen" kennen und filmte ihn auch beim Aquarellieren in der Landschaft, an der Quohrener Kippse, einem seiner Lieblingsmotive. Dabei kniete er auf dem Feld, das Papier und der Farbkasten vor sich auf der Erde liegend. Frei weidende Schweine umringten ihn grunzend. Diese farbigen Aufnahmen wurden bisher in keinem Film verwendet. Aus dem unveröffentlichten Material könnte ein weiterer Film entstehen.

Mehr von und über Ernst Hirsch

In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie mehr über Hirschs Begegnungen mit Otto Dix. Das vorangegangene Kapitel über Hirschs Ausreise aus der DDR können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER.

In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.



 


Ihre Daten sind uns wichtig, und wir würden gerne Cookies verwenden, um Ihren Besuch auf unserer Seite verbessern zu können.