Vor der Ausreise - Ernst Hirsch 1989 auf gepackten Koffern und Teekisten. Foto: Ernst Hirsch
Der Dresdner Kameramann Ernst Hirsch fasst den schweren Entschluss aus der DDR auszureisen.
In der längst vergriffenen Autobiografie "Ernst Hirsch - das Auge von Dresden" erinnert sich der Dresdner Kameramann Ernst Hirsch auf über 200 Seiten detailliert und mit vielen Fotos versehen an sein Leben. "Leben50" darf exklusiv seinen Lebensbericht noch einmal veröffentlichen. In Teil 17 fasst Ernst Hirsch einen schweren, weitreichenden Entschluss: Er will aus der DDR ausreisen.
Ein kurzes Treffen und ein schwerer Entschluss
Während ich in Italien war, hatte meine Frau Cornelia die Genehmigung erhalten, mit ihrem Bruder zum runden Geburtstag einer Verwandten nach Bayern reisen zu dürfen. Eigentlich durften Eheleute nicht gleichzeitig "in den Westen" reisen. In diesem Fall hatten die DDR-Behörden jedoch nichts davon mitbekommen, weil ich meinen Reiseantrag in Berlin und Cornelia den ihren in Dresden gestellt hatte. Nun trafen wir uns in Bayern. Zu bleiben kam für uns nicht in Frage, denn unser zehnjähriger Sohn Konrad war ja gewissermaßen als "Pfand" in Dresden geblieben. Er wurde von Cornelias Mutter betreut. Wir hatten ihn nie allein zurückgelassen, wussten wir doch, dass in solchen Fällen die Kinder in ein Heim kamen und wenig Aussicht auf Familienzusammenführung bestand. So verabschiedeten wir uns schweren Herzens am Hauptbahnhof in München. Cornelia und ihr Bruder fuhren nach Dresden zurück. Ich überquerte in Passau die Grenze nach Österreich. Wiederum bat ich auch hier die Beamten, mir keinen deutschen Stempel in den Pass zu drücken, um dann wie auf der Hinreise über die ČSSR in die DDR zurückkehren zu können. Selten habe ich mich so elend gefühlt wie in den ersten Stunden nach dem Grenzübertritt. Freiwillig wieder zurück in das "Gefängnis", in den grauen Verfall der Städte. Als besonders schlimm empfand ich die Luftverschmutzung durch die Kraftwerke und den Braunkohlenabbau in der Gegend um die Stadt Most.
Am 6. Oktober 1986 waren wir wieder in Dresden vereint. Sehr bald fassten wir gemeinsam den Entschluss, die Ausreise aus der DDR zu beantragen. Zu dieser Zeit bestand keine Hoffnung auf eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände, trotz Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion. Im Gegenteil, die Situation in der DDR verschlechterte sich zunehmend. Durch meine Filmarbeit hatte ich Einblick in die Zustände in den unterschiedlichsten Bereichen des täglichen Lebens, bemerkte den Niedergang, der nicht zu übersehen war. Den Behörden gegenüber nannten wir familiäre Gründe für unsere Ausreise. Wir wussten, dass die Chancen darauf waren sehr gering. Mehrmals auf das Amt "einbestellt", wie es hieß, wurde uns immer wieder erklärt, dass unser Antrag keine Aussicht auf Genehmigung habe.
Viele Antragsteller verloren sofort ihre Anstellung. Mich beschäftigte der Chef der Firma"Werbefilm Berlin", Hans-Günther Kaden, jedoch weiter als Kameramann. Auch von der staatlichen Filmgesellschaft DEFA in Dresden und vom Fernsehen erhielt ich weitere Aufträge. Viele wussten, dass wir den Ausreiseantrag gestellt hatten, obwohl wir kaum mit jemandem darüber sprachen. Ich hatte wohl eine Art kunstschützende Hand über mir, nicht beim Fernsehen, sondern im DEFA-Trickfilmstudio in Dresden, für das ich ebenfalls arbeitete. Der Produktionschef, Ernst Schade, war Stellvertreter des Direktors und mir gegenüber kühl, sachlich und schnell unpersönlich. Dennoch hat er mich gewissermaßen beschützt. Später las ich die Berichte, welche er in seiner Funktion an die Stasi schreiben musste: "Wir können auf Ernst Hirsch nicht ganz verzichten, er macht ordentliche Filme, er verhält sich korrekt, wir brauchen ihn." Ich bin nach 1993, als ich das gelesen hatte, zu ihm gegangen und habe mich bei ihm bedankt und gesagt: "Was Sie geschrieben haben, das hat mir wirklich geholfen."
Warten auf die Ausreise
Es begann eine lange, ungewisse Zeit des Wartens, aber auch des Hoffens. Den Entschluss gefasst zu haben, die DDR zu verlassen, wirkte befreiend. Wir hatten in dieser Zeit eine innere Haltung entwickelt: Wir waren bereit, uns von allem zu trennen. Der Entschluss, etwas Neues anzufangen, stand fest. - Das war schon kühn. Es hätte auch schiefgehen können. Wir sagten nun nicht mehr: "Naja, man hätte vielleicht... viele andere sind ja auch gegangen und warum machen wir das nicht?" Nein, die Entscheidung war gefallen. Einige Male fragten wir auf dem Amt nach, und erhielten stets die Auskunft: "Sie kommen hier nie raus." Meine Antwort darauf lautete: "Gut, dann gehe ich in eine Art innere Emigration, damit wir bis zum Rentenalter durchkommen können. Ob Sie uns das genehmigen oder nicht, wir sind innerlich schon nicht mehr hier." Einmal habe ich auf der Dienststelle, sie war in einem Haus am Schillerplatz, gesagt: "Ich spreche hier ganz offen, ich weiß, Sie schneiden mit, was ich sage." Und so war es auch, denn diese Aussagen sind wörtlich wie ein Lebensprotokoll in unseren Stasi-Akten nachzulesen. Alle Begegnungen mit Freunden und Verwandten, jede Reise nach Prag, nach Ungarn. Jede Einzelheit ist dokumentiert, zum Teil auch von Telefonaten mitgeschnitten, oft genauer als in meinen Tagesbüchern.
Man hatte schon viel früher begonnen, uns akribisch zu beobachten. Jeder Brief, den meine Frau an ihre Schwester geschrieben hatte, wurde abgelichtet. Selbst die Briefe, die unser Sohn Konrad als Schüler an seine Tante in Westberlin schrieb, sind über Dampf geöffnet und dann wieder verschlossen worden. Kopien davon werden in den Akten aufbewahrt. Nachbarn wurden befragt, wie wir uns verhalten. Selbst über Konrad, der ja noch klein war, erkundigte man sich: "Ja, der Junge ist freundlich und grüßt alle nett." So ein Schwachsinn! Heute lacht man darüber. Wenn man gewusst hätte, wie genau alles beobachtet wurde, wäre man vielleicht ängstlich gewesen. Die ständige Überwachung hing wie ein Damoklesschwert über uns. Alle diese Ermittlungen hätten sicher ausgereicht, um uns vor Gericht zu bringen. Leute sind wegen viel geringerer Sachen weggesperrt worden. Ich habe allerdings nie nach außen hin irgendwelche provokatorischen Dinge unternommen, keine Verlautbarungen oder gar irgendetwas Schriftliches abgegeben.
Zum Glück waren keine Freunde und Bekannte unter denen, die über uns berichtet haben, sondern nur einige Berufskollegen aus Film und Fernsehen. Da spielte sicher auch Neid eine Rolle: "Wieso ist der freiberuflich tätig, hat Kameraausrüstung, Filmschneidetisch, Haus und Auto?" Es gibt sogar Zeichnungen von einem Fernsehmitarbeiter, der bei uns war und mit einer Art detektivischer Besessenheit berichtet hat: "Den Hirsch musst du aushorchen." In seinen Berichten erkennt man ganz deutlich, dass er wie ein Spürhund in Einzelheiten eingedrungen ist. So genau hatte das wohl niemand von ihm verlangt. Derselbe Mann ist später nach der Wende sogar wieder beim Fernsehen als Kulturredakteur eingestellt worden. Er schrieb dann noch ein paar Bücher, zum Beispiel über den Fund des Wettiner-Schatzes im Wald von Moritzburg. Allerdings war er der Einzige, der mich ansprach, bevor er enttarnt wurde: "Herr Hirsch, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, ich habe über Sie berichtet". Als ich las, was er über uns geschrieben hatte, und wir uns darüber unterhielten, habe ich ihm auf den Kopf zugesagt: "Sie haben ein regelrechtes Bedürfnis, Dinge zu verfolgen und aufzudecken, das erkenne ich auch in den Büchern, die Sie geschrieben haben." Seine Antwort: "Ja, das ist wie ein innerer Zwang". Er hat bestimmt gedacht, damit tue er Gutes für den Staat.
Über 600 Seiten umfassen die Berichte über mich und meine Familie, die wir uns vorlegen ließen. Vieles ist völlig banal, einiges hätte jedoch auch genügt, um uns in große Schwierigkeiten zu bringen. Allerdings wurde uns in viele Seiten die Einsicht verwehrt, ganze Aktenteile blieben verschlossen. Auf meine drängende Frage an den Leiter der Behörde, warum das so sei, wurde mir erklärt: "Das sind schützenswerte Daten Dritter".
1989 endlich die Ausreise
Wer die DDR verlassen wollte, musste vorher alle Möbel, Bücher, Kunstgegenstände, Bilder und Porzellane registrieren lassen. Lange Listen mit siebenfachen Durchschlägen wurden veröffentlicht, natürlich gehörten auch die Filme aus unserem Archiv dazu. Die Listen legte ich der entsprechenden Genehmigungsstelle vor, die einzelnen Posten wurden akzeptiert. Doch auf die Frage "Was sind das für Filme?" antwortete ich: "Das sind Filme, die ich selbst gedreht habe, Belegexemplare gewissermaßen. Ähnlich wie bei Schriftstellern, die ein Exemplar der Bücher erhalten, die sie geschrieben haben." Auf die weitere Frage: "Keine Industrie- oder politische Dokumentarfilme?" - "Nein", antwortete ich. Ein solcher Fall war den Behörden noch nicht untergekommen. Ich konnte das gesamte Filmarchiv mitnehmen. Da es seinerzeit keine Umzugskisten, so wie heute gab, holten wir, wie viele andere Ausreisende auch, vom Betrieb "Teekanne" in Radebeul leere Teekisten aus stabilem Sperrholz, um darin alles zu verpacken. Das gesamte Umzugsgut stellten wir im Arbeitsraum in unserem Haus zusammen.
Anfang September 1989 erhielten wir den Bescheid, dass unsere Ausreise genehmigt sei. Voraussetzung wäre jedoch, dass wir unser Haus verkauft hätten und den notariellen Nachweis darüber erbringen könnten. Ein Käufer wurde nicht vorgeschrieben. Wir verkauften das Haus an Bekannte, die sehr beengt im Neubaugebiet Prohlis wohnten, und verhalfen ihnen damit zu besseren Wohnbedingungen.
Der 3. Oktober 1989, der Tag unserer Ausreise, begann am frühen Morgen mit einem starken Gewitter. Bald strahlte jedoch die Sonne, wir nahmen es als ein hoffnungsvolles Zeichen für unsere Zukunft an. Der erste Weg führte zur Staatsbank an der Ostra-Allee. Dort musste alles Geld, was wir noch hatten, auf ein Sperrkonto eingezahlt werden. Es herrscht eine eigenartige Stimmung in der Stadt. In Prag saßen Hunderte Flüchtlinge in der Botschaft der Bundesrepublik, bis Außenminister Genscher verkündete, dass deren Ausreise genehmigt sei. Am Abend rollten dann die Züge mit den Flüchtlingen aus Prag durch Dresden, am Hauptbahnhof wurden Demonstranten niedergeknüppelt und nach Bautzen geschafft. An diesem Tag verließen wir die DDR. Unser VW-Bus, den wir erstaunlicherweise mitnehmen konnten, war bis obenhin vollgepackt. Sohn Konrad saß mit seinem Meerschweinchen Julie auf einer Matratze. In Eisenberg in Thüringen verabschiedeten wir uns von meinem Cousin Rudi und seiner Familie. Während einer Pause in Eisenach schauten wir hinauf zur Wartburg. An der Grenze folgte eine mehrstündige Kontrolle, alles musste ausgepackt werden und wurde durchwühlt. Allein diese letzte Schikane bestätigte uns erneut die Richtigkeit unseres Entschlusses. Dann fuhren wir schließlich über die große Werrabrücke in die Freiheit. Nach siebenstündiger Fahrzeit kamen wir am nächsten Morgen gegen drei Uhr bei Cornelias Schwester und Schwager in Seeheim-Jugenheim bei Darmstadt an. Wenige Tage später, am 8. Oktober, wurde Erich Honecker abgesetzt. Am 9. November fiel die Mauer in Berlin. Trotz dieser »Wende« bereuten wir unseren Entschluss nicht, denn noch war die weitere politische Entwicklung ungewiss.
Mehr von und über Ernst Hirsch
In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie mehr über Hirschs Begegnungen mit großartigen Künstlern.
Das vorangegangene Kapitel über Hirsch und die Dresdner Boheme am Loschwitzer Elbhang und den Blick durch den Eisernen Vorhang können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER.
In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.