Auf dem Tandem auf Fahrt in den Spreewald, 1951. Foto: Willibald Bergmann
Der Dresdner Kameramann Ernst Hirsch erzählt in seiner längst vergriffenen Autobiografie "Ernst Hirsch - Das Auge von Dresden" über seine Reisen mit dem Fahrrad.
Fahrradgeschichten
Von Muskelkraft angetriebene Fortbewegungsmittel mit zwei Rädern, auch Fahrräder genannt, benutzte ich bis zu meinem 18. Lebensjahr. Oft ging die Filmkamera bereits mit auf Tour. Als ich fünf Jahre alt war, schenkten mir meine Eltern ein Kinderfahrrad, das sie wohl gebraucht erworben hatten, denn in der Kriegszeit 1942 gab es keine neuen Kinderräder zu kaufen.
Nun musste ich lernen, die Balance zu halten. Mein Vater unterstützte mich dabei, und ich weiß ganz sicher, dass mir auch unser Briefträger dabei half. Er hatte eine rot lackierte Tasche mit breitem Schulterriemen umhängen. Vielleicht war es sogar der Geldbriefträger. Auf unserer Straße, der Johann-Georgen-Allee, fuhren kaum Fahrzeuge, so konnte ich bald ohne Gefahr zwischen der Zirkusstraße und der Albrechtstraße hin und her radeln und wohl auch manchmal auf dem breiten Mittelstreifen zum Großen Garten, der eigentlich für Reiter angelegt war, die man aber in meiner Kinderzeit schon nicht mehr sah.
Mein Kinderfahrrad wurde 1944 mit nach Eschdorf genommen, wohin ich mit meiner Großmutter wegen der zu befürchtenden Fliegerangriffe umziehen musste. Die Dorfstraße war schmal und holprig, und ich fuhr mit dem kleinen Fahrrad sogar zur Bäckerei Hübner, um Brot zu holen.
Schon in der Schulzeit lieh ich mir manchmal ein größeres Fahrrad mit 26er Bereifung. Damit fuhr es sich besonders gut. Ich unternahm kleinere Ausflüge in die Umgebung, zum Beispiel nach Stolpen. Mein Wunsch nach einem eigenen richtigen Herrenrad war in dieser Zeit nicht zu erfüllen, entweder gab es 1949/50 noch keine neuen Fahrräder, oder sie waren zu teuer für mich.
Zu meiner Konfirmation im April 1950 hatte ich von Verwandten und Freunden etwas Geld geschenkt bekommen. Auf eine Anzeige in der Zeitung "Die Union" hin fuhr ich nach Mickten. Dort verkauften ältere Leute ein Rad. Es hing im Vorsaal der Wohnung an der Decke und war schon lange nicht mehr benutzt worden. Die Russen, die gern Fahrräder und Uhren mitnahmen, hatten es wohl nicht entdeckt. Ich kaufte das Rad. An den Preis kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an die erste Fahrt über das schreckliche Kopfsteinpflaster der Leipziger Straße.
Mit meinem eigenen Fahrrad fuhr ich dann während meiner Lehrzeit jeden Tag von der Danziger/Neugersdorfer Straße die Grundstraße hinunter, über das "Blaue Wunder" nach Reick zum VEB Zeiss Ikon, wo sich die Lehrwerkstatt der Optikfertigung befand. Zurück nach Hause benutzte ich allerdings meist die Standseilbahn. Damals kostete eine Fahrt hinauf zum Stadtteil Weißer Hirsch zusammen mit dem Fahrrad nur 20 Pfennige.
Dort befand sich im Hinterhof eines Hauses auf dem Rißweg die Fahrradwerkstatt des Meisters Willibald Bergmann. Er hatte für sich ein Tandem, damals ein ganz seltenes Teil, zusammengebaut. Im September 1951 lud mich Herr Bergmann zu einer Fahrt in den Spreewald ein. Wir benutzten die Autobahn, – ja ganz richtig, man fuhr wirklich auf der Autobahn mit dem Fahrrad! Heute unvorstellbar. Wegen des geringen Verkehrs war es Radfahrern gestattet, auf der rechten Seite der linken Fahrbahn zu fahren. Es war eine schöne Strecke bis nach Lübbenau. Ich lernte den Spreewald mit seinen vielen Kanälen und alten Bauernhäusern kennen. Wir übernachteten im Gasthof "Wotschofska" in Lehde und mussten das schwere Tandem gemeinsam über mehrere Brücken der sogenannten Fließe tragen.

Ziel einer weiteren Fahrt mit Herrn Bergmann und seinem Tandem war das Motorradrennen auf dem Sachsenring in Hohenstein-Ernsttal zur gesamtdeutschen Meisterschaft, die hier am 27. August 1950 einmalig veranstaltet wurde. Wie schon auf der Fahrt in den Spreewald nutzten wir wieder die Autobahn. Die im Krieg gesprengten Autobahnbrücken an der Strecke in Wilsdruff und Siebenlehn waren noch nicht wieder aufgebaut. Die Täler mussten umfahren werden. Das verlängerte die Strecke erheblich. Am frühen Morgen die Hinfahrt, dann das spannende Rennerlebnis: Es sollen 400.000 Zuschauer an der Strecke gewesen sein. Noch am gleichen Abend traten wir die Rückfahrt nach Dresden an. Zur Beleuchtung der nächtlichen Fahrt hängt eine Karbidlampe vorn am Tandem. Nach einem erlebnisreichen Tag kehrten wir todmüde nach Hause zurück.
An zwei andere, langen Fahrradtouren erinnere ich mich besonders gern.
Ostsee, Helgoland und Hamburg
Während der Schulferien 1949 wollte mein Schulfreund Dietrich Buschbeck und ich mit dem Fahrrad an die Ostsee fahren. Wir radelten am ersten Tag von Dresden wieder auf der Autobahn bis zum Spreewald. Dort schliefen wir in einem Heuschober und fuhren am nächsten Tag auf der Landstraße weiter über Lübben nach Berlin. Zu dieser Zeit konnte die Sektorengrenze noch ungehindert passiert werden. Dietrichs Verwandte kauften uns großzügig neue Bereifung, denn unsere war abgenutzt. Die Schläuche waren schon oft geflickt, in Dresden gab es im Handel keinen Ersatz.

Vor der Weiterfahrt wollte Dietrich noch einige Tage in Berlin bleiben. Also entschied ich mich, nicht mit an die Ostsee, sondern nach Braunschweig zu fahren, mit dem Zug über Magdeburg bis dicht an die Zonengrenze zur Station Völpke/Hötensleben. Die Grenze war noch nicht so lebensgefährlich gesichert wie in späteren Jahren. Bei meiner Ankunft war es schon dunkel. Wo war nun die Grenze? Vor mir dehnte sich ein riesiger Tagebau des Helmstedter Braunkohlen-Reviers aus, schon auf westlicher Seite. Über die Abraumhalde rutschte und stolperte ich mit Fahrrad und Rucksack hinunter. Kein Mensch war zu sehen, niemand hätte mich gefunden, wenn ich gestürzt wäre. Es ging jedoch gut aus.
Noch vor Sonnenaufgang kam ich nach Schöningen, der ersten Ortschaft im Westen. Am Brunnen auf dem Marktplatz wusch ich mir den Braunkohlenschmutz ab und fuhr über den Höhenzug des Elm auf einsamer Straße durch Buchenwälder nach Königslutter, weiter auf der Autobahn nach Bienrode bei Braunschweig, wo unsere Bekannten wohnten. Auch im Westen war das zu dieser Zeit noch gestattet.
Nach einigen Ruhetagen ging die Tour 170 Kilometer weiter bis nach Bremen, wo ich Tante Auguste besuchen wollte, die ich von ihren Besuchen in Dresden her kannte. Sie wohnte in einem kleinen Holzhaus. Sehr freundlich wurde ich aufgenommen und umsorgt. Ich bekam fünf Westmark geschenkt, um mir in Bremen etwas zu kaufen. Ich sah mir den Roland am Rathaus und die schauerlichen Mumien im berühmten Bleikeller des St.-Petri-Doms an. Auf dem Marktplatz kaufte ich mir zwei Bananen, so etwas gab es im Osten nicht. Sie schmeckten mir nicht. - Ich hatte mir wohl etwas Anderes vorgestellt.
Am Weserhafen las ich das Angebot, für fünf Mark mit einem Ausflugsschiff nach Helgoland zu fahren. Ich hatte ja fünf Westmark geschenkt bekommen und überlegte nicht lange. Am nächsten Morgen ging es zeitig los. Die Tante bereitete ein großes Einweckglas mit Kartoffelsalat, dazu Würstchen und Brot als Wegzehrung vor. Es war meine erste Schiffsreise überhaupt. Sehr lange dauerte die Fahrt auf der Weser, ehe der Nordsee bei Bremerhaven in Sicht kam. Dann begann der Wellengang und bald schon brachten die ersten Passagiere dem Meeresgott Neptun ihr "Opfer". Wir sahen den berühmten Leuchtturm »Roter Sand« in der Wesermündung. Auf Helgoland anzulegen, war zu dieser Zeit noch nicht möglich. Erst 1952 gaben die Engländer die Insel an die Bundesrepublik zurück. So konnte sich das Schiff der Insel nur auf Sichtweite nähern. Die hohen roten Felsen ragten aus der See und ich hatte Helgoland nur von Ferne gesehen. Die Rückfahrt nahm kein Ende, aber ab der Wesermündung war wenigstens kein Wellengang mehr. Das Stampfen und Schlingern des Schiffes hörte auf.
Weitere Verwandte, die ich auch besuchen wollte, leben in Hamburg. Die 120 km von Bremen waren bald abgeradelt. Hamburg war im Krieg fast noch stärker zerstört worden als Dresden, überall waren Ruinen zu sehen. Allerdings war der Elbtunnel intakt: Ein imposantes Bauwerk. Zwei Tunnelröhren mit einer Länge von 426 Metern unterqueren in 24 Metern Tiefe die Elbe. Gemeinsam mit der kleinen Tochter meiner Verwandten fuhren wir auf Rollschuhen durch den Elbtunnel und waren schneller als die Fußgänger auf der anderen Elbseite. Mit einem der großen Fahrstühle fuhren wir nach oben. Die Aussicht auf die vielen großen Schiffe und Boote im Hafen und auf die Stadt war sehr beeindruckend. Die Radtour bis hierher hatte sich schon deshalb gelohnt.
In Hamburg erlebte ich mein erstes Feuerwerk, es fand auf der Binnenalster statt. Wir standen am Alsterpavillon. Ich war sehr aufgeregt und ängstlich, erinnerte mich doch die Knallerei zu sehr an die Bombennacht in Dresden. Bis heute bereiten mir Feuerwerke keine Freude. Zurück radelte ich über Lüneburg und Celle wieder nach Braunschweig, immerhin 200 Kilometer. Auf den Landstraßen herrschte noch so wenig Verkehr, dass Radfahren ungefährlich war. Nach einigen Ruhetagen in Braunschweig-Bienrode musste ich an die Rückfahrt denken. Über Wolfenbüttel wollte ich Halberstadt im Osten erreichen. Aber wo war die Grenze? Eine Karte hatte ich nicht, ich konnte nur fragen oder mich nach den Straßenschildern richten. Das Flüsschen Oker bildete hier die Grenze und wäre an dieser Stelle nicht zu überwinden gewesen. Die Brücken waren gesperrt oder gesprengt. Von Wolfenbüttel fuhr ich auf der Reichsstraße 79 bis Mattierzoll. Wie der Name sagt, war hier schon früher eine Grenze gewesen, wo Fuhrleute zwischen dem Herzogtum Braunschweig und Preußen noch Zoll zahlen mussten. Nun verlief hier die Grenze zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone. Ich bog von der Straße ab und fuhr auf Feldwegen bis an einen Wassergraben, der die Zonengrenze markierte. Nirgendwo war ein Grenzwächter zu sehen und schnell fuhr ich durch das flache Gewässer, ohne vom Fahrrad zu steigen, und befand mich wieder im Osten.
Warum erinnere ich mich nach so vielen Jahren noch genau an jede Einzelheit? Ich hatte große Angst, angegriffen zu werden.Was wäre dann mit mir geschehen? Vielleicht hätte meine Fahrt wegen illegalen Grenzübertritts im Jugendwerkhof geendet, aber ich ging ja freiwillig wieder in die Ostzone zurück. Bis nach Halberstadt waren es noch 50 Kilometer, die Strecke mit dem Fahrrad bis nach Dresden zurückzulegen, schien mir dann doch zu weit. So fuhr ich mit dem Zug. Im Bahnhof von Halberstadt kaufte ich mir als Reiselektüre erstmals eine Ausgabe der Fachzeitschrift "Bild und Ton", die bereits seit 1948 erschien und in der über Kinotechnik und Film berichtet wurde. Dieses Exemplar besitze ich noch heute. Ich abonnierte die Zeitschrift und veröffentlichte später darin einen eigenen Artikel "Vorschlag zur Nutzung einer Schmalfilmkamera als Kopiergerät".
Meine Mutter in Dresden war froh, mich wohlbehalten nach einer so langen und nicht ganz ungefährlichen Fahrt wieder bei sich zu haben.
Über eine weitere große Fahrradtour möchte ich unbedingt noch berichten:
Meine Reise nach Thüringen 1951
Ich hatte meine Lehre begonnen und mein Freund Dietrich Buschbeck ging unterdessen auf die Oberschule. Wir haben beschlossen, in den Ferien gemeinsam Thüringen zu erkunden. Wieder benutzten wir die Autobahn bis nach Chemnitz. Kühn hängten wir uns am langen Anstieg nach der Elbbrücke in Kaditz an einen langsamen, mit Holzgas betriebenen Lastwagen an und sparten unsere Kräfte. Am ersten Tag erreichten wir gegen Abend Zwickau. Wir übernachteten am Straßenrand und knüpften als Zeltdach drei Militärzeltbahnen zusammen. Schlafsäcke hatten wir nicht, von einem Feld hielten wir Stroh, um darauf zu schlafen. Weiter ging die Fahrt über Greiz und Schleiz nach Saalburg - immerhin legten wir mit unseren alten Fahrrädern ohne Gangschaltung in zwei Tagen 180 Kilometer zurück.
Unser Ziel war die Bleilochtalsperre an der Saale. Ab Saalburg bestiegen wir ein Ausflugsschiff zur Staumauer und fuhren dann mit den Fahrrädern die Saale abwärts. Hoch oben erblickten wir das Schloss Burgk. Auf dem "Röhrensteig" schoben wir die Fahrräder hinauf, besichtigten das Schloss und hörten, wie die Silbermann-Orgel in der Kapelle erklang. Die Saale schlängelt sich in vielen Windungen, am Ufer wurde wieder das Zelt aufgebaut. Die nächsten Staustufen umgingen den Weg auf dem rechten Ufer. Wir gelangten über Walsburg nach Ziegenrück, wo wir das Wasserkraftmuseum besichtigten. Die Talsperre Hohenwarte mieden wir und kürzten in Richtung Saalfeld ab. Für die Stahlerzeugung in der Maxhütte in Unterwellenborn war 1949 ein Jugendobjekt mit dem Namen "Max braucht Wasser" für die Kühlung der Hochöfen beendet worden. An den sechs Kilometer langen, dicken Rohren der neuen Wasserleitung fuhren wir talwärts und kamen nach Saalfeld. Dort übernachteten wir in einer Jugendherberge. Die Stadt war ganz altertümlich. Wir besichtigten den "Hohen Schwarm", eine Burgruine aus dem 13. Jahrhundert, und die Gaststätte "Das Loch". Für einen geplanten Reise-Film lieh mir Herr Wenzel wieder seine 16-mm-Kamera, damit hielt ich unsere Fahrt in bewegten Bildern fest.
Über Rudolstadt geht es in Richtung Weimar. In den Thüringer Bergen mussten wir oft schieben. Ab und zu hatten wir auch eine Reifenpfanne, die wir vor Ort selbst reparierten. Nach Blankenhain und Bad Berka kam in der Ferne der hohe Turm der Kirche von Gelmeroda in Sicht. Damals wussten wir noch nicht, dass dieser spitze Kirchturm schon den Maler Lyonel Feininger zu eindrucksvollen Bildern angeregt hatte. Nun sausten wir auf unseren Rädern hinunter nach Weimar. Die Stadt war durch Bombenangriffe ziemlich zerstört, auch die historische Innenstadt war nicht verschont geblieben. Am Markt gegenüber vom Hotel "Elephant" standen noch Ruinen.
Unser Ziel war das Goethehaus. Die Kriegsschäden fanden wir schon zum großen Teil beseitigt, und wir konnten das Museum besichtigen. Für mich ein unvergesslichen Eindruck: die bequemen Treppenstufen hinaufzuschreiten und über die Schwelle mit dem einladenden "Salve" die Räume zu betreten. Wir schauen in das Arbeitszimmer Goethes, in seine Bibliothek und in die übrigen Räume, verweilten im Sterbezimmer. Ich hatte schon einiges von Goethe gelesen, hatte mir doch mein verehrter Klassenlehrer Rolf Hantzsch zur Konfirmation das"Goethe-Lesebuch" von Walter Victor schenkt. Im Park an der Ilm sahen wir uns Goethes Gartenhaus an, ebenso wie andere Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Wir übernachteten in einer Schule. In einem Klassenzimmer war Stroh auf den Boden geschüttet, auf dem wir nach all den Erlebnissen herrlich schliefen.
Von Weimar aus fuhren wir über Jena nach Eisenberg mit einer sehenswerten Schlosskirche. Direkt gegenüber auf der Burgstraße besuchten wir meinen Cousin Rudi und seine Familie und trafen dort auch meine Mutter.
Weitere Reisen in die Westzonen folgten: Noch während der Schulzeit hatten mich Freunde meiner Eltern zu einem Besuch nach Bienrode, einem Dorf in der Nähe von Braunschweig, eingeladen. Deutschland aber war geteilt. Um die Zonengrenze passieren zu können, musste ein sogenannter Interzonenpass beantragt werden. Diesen erhielt man zwar für Verwandtschaftsbesuche, aber nicht für touristische Fahrten. Die Entscheidung hing ganz von der Willkür der örtlichen Behörden ab. Zumeist erfolgten Ablehnungen, deshalb versuchten viele Reisende die Grenze, wie man so sagte, "schwarz" zu überwinden. In Richtung Niedersachsen führen diese Wege über Marienborn im Osten nach Helmstedt im Westen. Von Magdeburg aus fuhren Bummelzüge bis zum letzten Bahnhof vor der Grenze. So bis zum Ort Gunsleben, der kaum auf einer Karte zu finden ist. Von dort musste man weiter zu Fuß nach Jerxheim laufen. Warum schildere ich das alles so genau? Weil diese Erinnerungen heute schnell unwirklich klingen.
Von 1947 an passierte ich viermal die Grenze auf verschiedenen Wegen, zu Fuß oder mit dem Rad, wie schon geschildert. 1948, im Alter von 12 Jahren, durfte ich noch nicht allein reisen. Eine Bekannte meiner Mutter, die auch nach dem Westen fuhr, nahm mich mit. Ab Dresden benutzten wir die Weiße Flotte. Von Dresden aus fuhr täglich ein Dampfer zur Lutherstadt Wittenberg. Für diese lange Strecke zahlten Schüler fünf Mark, das war viel günstiger als mit der Eisenbahn. Die Reise dauerte zwar einen ganzen Tag, aber Zeit hatten wir ja genug. An vielen Stationen wurden Expressgut mitgeladen, Kisten und Koffer umgeladen. Leute stiegen mit Handwagen zu, sogar ein Schaf und eine Ziege fuhren mit. Es war eine ruhige, man kann sagen, gemütliche Fahrt über Meißen, Riesa, Torgau, Mühlberg nach Wittenberg. Auf dieser Fahrt lernte ich den Verlauf der Elbe flussabwärts vom Schiff aus kennen und viele Orte wurden mir aus eigener Sicht zum Begriff.
Mit der Bahn ging es von Wittenberg nach Magdeburg. Vom teilweise zerstörten Bahnhof fuhr am Abend ein Bummelzug weiter bis zur letzten Station vor der Zonengrenze im Osten, dem besagten Gunsleben. Von da aus liefen alle Grenzgänger auf den Schienen weiter, auf denen kein Zug mehr verkehrte. Nun mussten noch etwa zehn Kilometer zu Fuß in völliger Dunkelheit zurückgelegt werden. Die Grenze bildete hier einen Wassergraben, der lediglich von den Bahnschienen überbrückt wurde. Ich ging ruhig von Schwelle zu Schwelle darüber. Die Frau, die aus Dresden mitgekommen war, traute sich nicht, über die Brücke zu gehen. "Ich wate durch das Wasser", sagte sie zu mir und hatte es kaum ausgesprochen, da stand sie schon samt ihrem Rucksack bis zum Hals im Wasser. Der Graben war nicht sehr breit, aber ziemlich tief. Sie gelangte völlig durchnässt ans westliches Ufer. Nach einigen weiteren Kilometern erreichten wir den Bahnhof Jerxheim, wo im Wartesaal nur Stroh zum Schlafen auf dem Fußboden lag. Wir waren froh und glücklich, nicht „geschnappt“ worden zu sein, und schliefen bald. Am nächsten Morgen tauchten amerikanische Soldaten mit einer riesigen Entlausungsspritze auf, und alle wurden von oben bis unten mit weißem Pulver besprüht. Das war uns aber völlig egal, waren wir doch sicher im Westen angekommen.
Bald fuhr auch ein Zug nach Braunschweig ab. Dort angekommen, ging es vom Bahnhof durch Trümmerstraßen, nur die stehengebliebenen Kirchtürme ragten über die Ruinen hinaus. Die Fachwerkhäuser der mittelalterlichen Stadt waren fast alle verbrannt. Trotzdem gab es reges Leben in der Stadt. An einem Kino warb ein riesiges Plakat für den neuesten Film: "Der Dritte Mann", der im Wien der Nachkriegszeit spielte.
Unsere Freunde freuten sich sehr über meine Ankunft, und an meine Mutter wurde sofort ein Brief geschrieben, dass ich gut angekommen sei. Die Währungsreform hatte kurz zuvor stattgefunden und die Geschäfte boten schon Waren aller Art in reichlicher Menge an. Ich verdiente mir etwas Westgeld mit dem Sammeln von Kartoffelkäfern, für die es pro Stück einen Pfennig gab, und half auf dem Feld der Bekannten mit beim Kartoffelroden. Über uns brummten in pausenloser Folge die Flugzeuge der "Luftbrücke" in Richtung Berlin – in ganz geringen Abständen von drei Minuten. Sie flogen in Etagen übereinander und transportierten täglich 2.000 Tonnen Versorgungsgüter in das blockierte Westberlin.

Das Ende der Ferien kam heran und ich musste an die Rückfahrt denken. Unser Freund Ernst Fischer arbeitete im VW-Werk und nahm mich bis nach Wolfsburg mit. Das riesige Werk am Mittellandkanal beeindruckte mich sehr. Die Grenze verlief ganz in der Nähe zwischen dem Ort Velpke, noch im Westen, und der kleinen Stadt Oebisfelde im Osten. Hier bildete das Flüsschen Aller die Grenze. Es war ein heißer Sommertag, die Kinder badeten in der Aller. Ich mischte mich unter sie, hielt meinen Rucksack über den Kopf und schwamm durch das Wasser, kam so unentdeckt wieder im Osten an. Von Oebisfelde fuhr ich allein mit der Eisenbahn über Magdeburg nach Dresden. Das war 1948 und ich war zwölf Jahre alt!
Schon ein Jahr zuvor war ich mit meiner Mutter ebenfalls in Braunschweig. An die Hinfahrt erinnerte ich mich nur deshalb, weil im Zug viele Leute mit großen Zuckersäcken voll braunem, ungebleichtem Rübenzucker aus den Zuckerfabriken der Magdeburger Börde nach dem Westen fuhren, um dann von der Küste frischen Fisch, insbesondere grüne Heringe, das Pfund für 22 Pfennige, mitzubringen. Der Geruch im Zug war dementsprechend! Die Züge zur Grenze waren so überfüllt, dass Reisende auch auf den Trittbrettern standen. Für den Schaffner war es deshalb fast unmöglich, von außen in die Abteile zu gelangen.

Auf dem Rückweg marschierten wir von Helmstedt aus durch den Grenzwald nach Marienborn. Damals bewachten die Russen noch die Grenze. In Marienborn fingen sie uns ab und brachten uns in einen Keller im Bahnhof, in dem schon viele Leute saßen. Immer neue Grenzgänger wurden hereingebracht. Ich war wohl der Jüngste in der Gruppe und begann einen Wortwechsel mit einem russischen Soldaten. Im Russischunterricht hatte ich schon einige Vokabeln erlernt. Erfreut sagte er nach ein paar Worten: "Nu, dawai paschli" - und meine Mutter und ich waren wieder frei.
So hat mir der Unterricht von Vera Baranowsky in der Schule auf dem Weißen Hirsch aus der Patsche geholfen! Sie gestaltete den Russischunterricht sehr interessant und machte uns mit Gedichten von Puschkin und Lermontow bekannt. In der Wohnung von Familie Baranowsky sah ich erstmalig großformatige Kopien von Gemälden der Dresdner Galerie, deren Schöpfer Prof. Alexander Baranowsky war, ein bekannter Lehrer für Theatermalerei an der Kunstgewerbeschule in Dresden. Die Wohnung befand sich in einer Villa auf der Oskar-Pletsch-Straße auf dem Weißen Hirsch.
Man sagt nicht umsonst: Reisen bildet. Alle diese Fahrten vermittelten mir nachhaltige Eindrücke und viele Kenntnisse. Sie waren zwar jedes Mal mit Ängsten an der Grenze verbunden, aber noch gab es keinen Stacheldraht, keine lebensgefährlichen Minen oder Selbstschussanlagen wie wenige Jahre später.
Mehr von und über Ernst Hirsch
In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie, wie Ernst Hirsch mit dem Autor reiste.
Das vorangegangene Kapitel über Hirsch Zeit und seine ersten Reisen nach Tirol können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER.
In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.