Ernst Hirsch bei Aufnahmen von Canaletto-Gemälden in der Dresdner Gemäldegalerie 1972. Foto: Steffen Krahl
In seiner Autobiografie "Ernst Hirsch - Das Auge von Dresden" nimmt uns der Dresdner Kameramann mit auf eine Reise in die DDR. In Italien blickt Hirsch hinter den Eisernen Vorhang und beschäftigt sich mit der Ausreise - in Teil 16 unseres exklusiven Abdruckes des längst vergriffenen Buches.
Blick durch den Eisernen Vorhang - nach Venedig
Im Begleitprogramm einer großen Canaletto-Ausstellung 1986 in Venedig sollte mein Film über den Maler Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, "Ein Venezianer malte Dresden", gezeigt werden. Ich stellte beim Filmverband in Berlin den Antrag, nach Venedig reisen zu dürfen.
Ich hatte die Stadt bereits 1958 während einer Motorrad-Italienreise mit meinem Freund Herrmann Zschoche kurz gesehen.
Entgegen aller Erwartung erhielt ich die Genehmigung und konnte den Reisepass mit einem Visum für Italien in Berlin abholen. Die Reise wurde nur für mich allein, mit eigenem Auto, jedoch ohne Reisezahlungsmittel genehmigt. Nur durch die großzügige Hilfe der Schwester meiner Frau, die in Westberlin wohnte, war es mir überhaupt möglich, die Reise anzutreten. Die Reiseroute hatte, von der Behörde vorgeschrieben, über die Tschechoslowakei und Österreich nach Italien zu führen. Betrübt darüber, nur allein reisen zu dürfen, verabschiedete ich mich am Sonntag, dem 24. August 1986 von meiner Familie und war doch voll freudiger Erwartung, 38 Jahre nach meiner ersten Reise wieder nach Italien zu kommen.
Die Alpen kamen bald näher, am Abend erreichte ich Salzburg, übernachtete in meinem VW-Bus, mit dem ich unterwegs war. Am nächsten Morgen kaufte ich in Piesendorf bei Zell am See bei einem Bäcker Brötchen. Ein Mann sprach mich auf meine Autonummer mit dem DDR-Kennzeichen an und lud mich in sein Haus ein. Er zeigte mir die Umgebung, fuhr mit mir nach dem großen Stausee bei Kaprun und ich konnte bei der Familie übernachten.
So wie Ludwig Richter einst von Salzburg aus über den Gerlos-Pass ins Zillertal gelaufen war, wollte ich auf der alten Gerlos-Straße von Wald im Pinzgau aus gleichermaßen das Inntal, Innsbruck und dann das Stubaital in Tirol erreichen, wo ich, wie schon geschildert, mit meinen Eltern oft in den Ferien war. Einige Tage später fuhr ich über den Brennerpass. An der Mündung des Brenta-Kanals vor Venedig stellte ich das Auto auf dem Campingplatz Fusina ab, mit dem Fährboot erreichte ich die Anlegestelle Zattere in Venedig.
Die Ausstellung der Dresdner Bilder von Canaletto fand im Kloster von San Giorgio auf der Isola di San Giorgio Maggiore statt. Voller Erwartung betrat ich die Ausstellung. Die Räume waren nur schwach beleuchtet, die Bilder strahlten stattdessen wie kostbare Edelsteine, von damals ganz neuartigen kleinen Lichtquellen einzigartig beleuchtet. Canaletto war auf diese Weise in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Die Besucher waren begeistert. In einem Nebenraum lief unser Film in italienischer Sprache. Am Abend des Eröffnungstages fand in den Festräumen des Klosters ein großer Empfang statt. Ich traf dort auch Dr. Angelo Walther, den Kustos der Dresdner Gemäldegalerie, der die Bilder nach Venedig begleitet hatte und sich freute, unseren gemeinsamen Film von 1972 hier wiederzusehen.
Mit meinem Freund Sebastian, einem ehemaligen Dresdner, der jetzt in Italien wohnte und unterdessen perfekt Italienisch sprach, traf ich mich in Venedig, um gemeinsame Ausflüge in die Toskana, nach Umbrien und zum Lago di Trasimeno zu machen.
Mein Italienaufenthalt ging zu Ende, aber mein Visum dauerte länger. Also wollte ich noch nach Westdeutschland fahren, was kein Problem war. Bürger der DDR galten als Deutsche Staatsbürger und mein DDR-Pass wurde anerkannt. Ich bat an der Grenze darum, den Pass nicht zu stempeln, denn das hätte ja verraten, dass ich in die Bundesrepublik eingereist war, was mir eigentlich streng verboten war. Ich versuchte, mich an verschiedenen Stellen umfassend über mögliche berufliche Chancen zu informieren. Mit 50 Jahren machte ich mir keine Illusionen, noch Aufträge als freiberuflicher Kameramann oder eine Anstellung in einer Fernsehanstalt oder Filmproduktion zu bekommen. Ich besuchte Verwandte und Freunde und blieb noch eine Woche ganz allein in einem Ferienhaus im Schwarzwald. In der dortigen Ruhe und Abgeschiedenheit, wie in einer Art Klausur, wurde meine Unsicherheit nur größer: Nutzt Du jetzt die Gelegenheit und bleibst im Westen? Eigentlich hatte ich die Entscheidung getroffen zu bleiben. Aber man kannte die Schikanen der DDR-Behörden, die auf Familien angewendet wurden, wenn ein Angehöriger im Westen blieb. In einem Brief an einen Freund beschrieb ich meine Gefühle und die Situation, in der ich mich zu diesem Zeitpunkt befand:
"Mein lieber Günter Ellinghausen!
Seit meiner Abreise aus Dresden sind nun schon fast fünf Wochen vergangen, und im Augenblick sitze ich hier im nördlichen Schwarzwald in einem Ferienhaus von Bekannten und erhole mich von der wirklich anstrengenden Zeit, die hinter mir liegt, sammle die Gedanken und schaue zurück, aber auch nach vorn. [...] Bisher hatte ich in allen Abschnitten meiner Reise großes Glück und habe unwahrscheinlich viel gesehen und erlebt und Eindrücke empfangen, die sicher noch sehr lange auf mich wirken werden. Es ist ja nicht nur eine Reise, die ich hier unternehme, eine Bildungs-, Studien-, Urlaubsreise schlechthin, sondern gewissermaßen ein Aufbruch zu neuen Ufern, ein für mich sehr bedeutungsvolles Unternehmen - zukunftsbestimmend, so oder so. Ähnlich der Italien-Reise Goethes vor 200 Jahren, dessen Reisebeschreibung ich unterwegs immer wieder gelesen habe und aus der ich manchen belehrenden Hinweis entnehmen konnte. Mein Reiseweg führte mich über Prag und Budweis nach Linz und Regensburg und schon unmittelbar hinter der Grenze begann förmlich ein Traumland für mich. Der Eindruck war so stark, dass ich erst einmal ausgestiegen bin und mich auf eine Anhöhe auf eine Bank gesetzt habe und nur die Landschaft und die umliegenden Ortschaften, die Felder und Wälder, ja die kleinste Blume am Wegesrand betrachtete und nur staunte. Und dieses Staunen hält eigentlich immer noch an und auch hier im Schwarzwald mache ich in dieser Richtung immer neue Entdeckungen. Genau das, was ich bei uns so sehr vermisst habe und was schnell verschwunden ist, finde ich hier allenthalben - die durch den tätigen Fleiß der Menschen erhaltene, umgestaltete, erneuerte Welt. Ich glaube doch, in diesem Dingen ein guter Beobachter zu sein, und es ist nicht eine euphorische West-Sucht, die mich dies schreiben lässt, da kennst Du mich ja, nein, es ist die Realität. Das Gleiche ist mir überall auf meiner Reise begegnet, und selbst in Italien, wo es ja bestimmt ein Gefälle zu hier, zu Westdeutschland, gibt, habe ich die gleiche Feststelllung gemacht. Die große Freiheit hat die Menschen geformt und ich bin schnell nur freundlichen Typen begegnet, wenngleich die Touristenströme in Venedig oder Florenz in der Hauptsache nur die Äußerlichkeiten, Einkaufsmöglichkeiten, gutes Essen usw. suchen, aber so ist nun mal der Mensch und man kann es niemandem verübeln. Von Österreich aus bin ich dann zunächst einmal ein paar Tage hierher in den Karlsruher Raum, nach Heidelberg und Frankfurt gefahren, um einiges abzuklären, dann über Österreich nach Italien, zuerst nach Venedig. Dort wurde am 4. September die Dresdner Ausstellung mit 23 Bildern von Bellotto eröffnet – eine sehr schöne, gut gestaltete Schau. So präsentiert haben wir in Dresden die Bilder noch nie gesehen, ganz davon abgesehen, dass sie in Dresden ja überhaupt nicht alle ausgestellt sind. Von den 23 Bildern Bellottos sind nur zwei ständig in der Galerie ausgestellt. Die anderen habe ich zuletzt bei meinen Filmarbeiten 1972 gesehen, besonders die wundervollen Ansichten von Pirna. Zu sehen waren sie zuletzt 1968 in einer Depotausstellung im Schloss Pillnitz, sonst sind sie den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Da kann man schon wieder ins Grübeln kommen! Mit der Ausstellungseröffnung in Venedig gab es zahlreiche Empfänge und Festessen einher, alles in prächtigen Räumen und Palazzi.
Als Anhängsel der offiziellen Delegation war ich sogar in einem ganz tollen Hotel am Canale Grande untergebracht und genoss aus meinem Zimmer die herrliche Aussicht auf den Kanal, das große Becken vor dem Dogenpalast mit dem Gewimmel der Schiffe und hatte in allen Lichtstimmungen vom frühen Morgengrauen bis zur zauberhaften Beleuchtung am Abend die herrliche Kuppel der Salutekirche vor Augen. Angestrahlt, erinnerte mich diese Kirche an unsere dahingesunkene Frauenkirche. Überhaupt gab es immer wieder Entdeckungen, die in Venedig an Dresden erinnerten.
Ich hatte mich ja einigermaßen vorbereitet und so war eigentlich die Realität der Gebäude, Museen und Kirchen, Straßen und Plätze der Hauptgewinn für mich. Ja, ich habe manche Säule oder Hauswand förmlich betastet und im wahrsten Sinne des Wortes - befühlt - begriffen. Wohldosiert nahm ich die Eindrücke zu mir. Jeden Tag besuchte ich nur eine große Galerie, Kirche oder den Dogenpalast, wo bei einer Führung auf den 'geheimen Wegen' unter dem Dach das Gefängnis zu sehen ist, aus dem Casanova entfloh, die geheime Hinrichtungsstätte und die sogenannten Bleikammern.
Dazwischen Fahrten mit den öffentlichen Booten auf den Kanälen, ausgedehnte Gänge auch in abgelegene Stadtviertel. Vergleiche des heutigen Zustandes mit den Ansichten Canalettos, die ich bei mir führte. Schon die erste Woche in Venedig war also ein großer Gewinn für mich. Das Auto steht gut behütet auf einem Campingplatz an Land, in Fusina. Dort waren die Preise nicht so hoch, die ansonsten in Venedig förmlich uferlos sind. Essen und Trinken ging für mich auf Hotelkosten, sodass meine Reisekasse nicht strapaziert wurde. Der Höhepunkt war am Sonntag, dem 7. September, die historische Regatta auf dem Canale Grande, die ich, aus meinem Hotelfenster schauend, erleben konnte. Ein farbenprächtiger Gondelaufzug historischer Boote, die Leute in historischen Kostümen, Musik und winkende Menschen überall am Ufer des Kanals. Nach diesen vielfältigen Eindrücken fuhr ich mit Sebastian, einem früheren guten Bekannten aus Dresden, der jetzt in Italien lebt und mir bis nach Venedig entgegengekommen war, in die Toskana. Das heißt, er fuhr und ich war sehr froh, denn der Verkehr auf den Autobahnen ist gewaltig und besonders an Baustellen oder vor den zahlreichen Tunneleinfahrten staute sich die Blechlawine. In der Nähe von Cortona bewohnt Sebastian ein altes toskanisches Landhaus oder, besser gesagt, ein ganz altes Bauernhaus mit einer gewaltigen Pinie als Wahrzeichen im Hof und von diesem Standquartier aus unternehmen wir herrliche Ausflüge in die Umgebung. So lernte ich kennen: Siena, Arezzo, Cortona, Perugia und Assisi. Es war auch noch Zeit zu langen Wanderungen in den toskanischen Bergen mit dem Besuch eines ganz abgelegenen kleinen Bergklosters, welches noch in Betrieb ist und in dem schon der heilige Franz von Assisi zeitweise gelebt hat.Sebastian fuhr mit mir noch nach Florenz, zwei Tage standen zur Verfügung und die wesentlichen Kunstschätze wurden besichtigt. Dann fuhr ich allein weiter über die Apenninen auf einer Straße mit mindestens einer Million Kurven, übernachtete auf der höchsten Höhe unterhalb des Monte Cimone in meinem treuen VW-Bus und kam nach Modena. Dort ist zur Zeit auch eine Ausstellung mit Dresdner Bildern zu sehen, die im 18. Jahrhundert aus der Sammlung des Herzogs d'Este an August III. verkauft wurden. Außer dem herzoglichen Palast bot Modena allerdings wenig. Über die Autobahn, die Gebühren belasteten meine schmale Reisekasse, erreichte ich bald wieder über Bologna die Po-Ebene und kam nach Padua. [...] Es gäbe noch viele Einzelheiten zu erzählen, aber ich will Dich nicht langweilen. Vielleicht einmal mündlich mehr. Die Rückfahrt drängte, denn in Buchenau im Bayerischen Wald erwarteten mich ja Cornelia, ihr Bruder Michael und die Schwiegermutter sowie eine Tante aus Schweden. Auch dort herrliche gemeinsame glückliche Tage, eingedenk der Einmaligkeit - eine ganze Familie aus Dresden zu Besuch im Westen, bei der Verwandtschaft auf Schloß Buchenau nach 30 Jahren Trennung. Auf dem Hauptbahnhof in München verabschiedeten wir uns schweren Herzens, Cornelia und Michael reisten nach Dresden zurück. Nun sitze ich noch hier im Schwarzwald und sehe der Zukunft entgegen, lieber Günter. Es ist nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen, wie es nun weitergeht, ob wir einen Ausreiseantrag stellen. Von Dresden aus lag alles noch in weiter Ferne, schien aber klar. Nun rückt es heran und verschwimmt. Unsicherheit, auch eine gewisse Angst baut sich auf. Doch ich glaube, wir müssen da durch. Cornelia ist ganz dafür, will tapfer alles auf sich zu nehmen. Das gibt mir Kraft, denn sie hat den schwierigeren Weg zu durchmessen. Wollen wir sehen, was die Zukunft bringt. [...] Herzlichst Dein Ernst<<eingedenk der Einmaligkeit - eine ganze Familie aus Dresden zu Besuch im Westen, bei der Verwandtschaft auf Schloß Buchenau nach 30 Jahren Trennung. Auf dem Hauptbahnhof in München verabschiedeten wir uns schweren Herzens, Cornelia und Michael reisten nach Dresden zurück. Nun sitze ich noch hier im Schwarzwald und sehe der Zukunft entgegen, lieber Günter. Es ist nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen, wie es nun weitergeht, ob wir einen Ausreiseantrag stellen. Von Dresden aus lag alles noch in weiter Ferne, schien aber klar. Nun rückt es heran und ver- schwimmt. Unsicherheit, auch eine gewisse Angst baut sich auf. Doch ich glaube, wir müssen da durch. Cornelia ist ganz dafür, alles auf sich zu nehmen. Das gibt mir Kraft, denn sie hat den schwierigen Weg zu durchmessen. Wollen wir sehen, was die Zukunft bringt. [...] Herzlichst Dein Ernst"
Mehr von und über Ernst Hirsch
In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie mehr über Hirschs Ausreiseantrag.
Das vorangegangene Kapitel über Hirsch und die Dresdner Boheme am Loschwitzer Elbhang können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER.
In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.