Filme im eigenen Auftrag - Ernst Hirsch Teil 24

Auf den Spuren des jungen Ludwig Richter in Italien, 1996; Filmreisen mit Hans Joachim Neidhardt nach Olevano und Bellegra. Foto: Konrad Hirsch

Auf den Spuren des jungen Ludwig Richter in Italien, 1996; Filmreisen mit Hans Joachim Neidhardt nach Olevano und Bellegra. Foto: Konrad Hirsch

Ob Grünes Gewölbe, Goethe oder Ludwig Richter - der Dresdner Kameramann Ernst Hirsch hat sich in seinen Filmen mit vielen Kulturthemen beschäftigt. Davon erzählt er in seiner Autobiografie "Ernst Hirsch - Das Auge von Dresden".

Filme in eigenem Auftrag

 Als Kameramann arbeitete ich hauptsächlich an Auftragsfilmen mit, deren Themen am häufigsten vorgegeben waren. Immer schon hatte ich jedoch den Wunsch, auch eigene Ideen filmisch zu gestalten. Aufgrund der zu hohen Kosten für Filmmaterial und Technik war es jedoch lange Zeit nahezu unmöglich, freie Projekte selbst zu realisieren. Erst seit den 1990er Jahren ermöglichte es die elektronische Bild- und Tonaufzeichnung mit kostengünstigen Kameras und digitaler Fertigung, eigene Projekte zu verwirklichen.

 Meine Idee, einen Videofilm über die Kunstschätze des "Grünen Gewölbes" zu drehen, hatte eine lange Vorgeschichte. Schon als Jugendliche hatten wir uns ungeachtet der Einsturzgefahr in die Ruinen des Residenzschlosses geschlichen, bis hinein in die zum Teil noch erhaltenen Räume des Grünen Gewölbes im Erdgeschoss. An den Wänden hingen noch die Konsolen, auf denen einst Pokale gestanden hatten. Besonders das erhaltene prächtige Eckkabinett für die kostbarsten Gegenstände aus der Sammlung Augusts des Starken zog uns an. In einem Gang standen die hölzernen Pferde des historischen Museums. Obwohl die Räume ungesichert waren, sind sie damals nicht durch Vandalismus zerstört worden. Die größte Tat zur Rettung und Erhaltung der historischen Stuckdecken vollbrachte Baumeister Hermann Ullrich mit seinen Leuten. Schon 1946 sicherten sie die Gewölbe mit Dachpappe und schützten sie damit vor eindringender Nässe und Einsturz.

 Auch nach der Rückgabe der Dresdner Kunstwerke 1956 und 1958 war an einen Wiederaufbau des Schlosses noch nicht zu denken. Für den Film "Der Menschheit bewahrt" waren wir 1956 zu Aufnahmen im Schloss. 1959 wurde dann die feierliche Eröffnung der ständigen Ausstellung der Schätze des "Grünen Gewölbes" im Albertinum ein weit beachtetes Ereignis und Thema einer meiner Reportagen für die "Aktuelle Kamera".

 1997 traf ich mich mit dem Direktor des "Grünen Gewölbes", Dr. Dirk Syndram, und trug ihm meine Idee für einen Film vor, den ich in eigenem Auftrag verwirklichen wollte. Er war sehr angetan von dem Vorschlag und sicherte mir seine volle Unterstützung zu. Später beriet er uns bei der Auswahl der Kunstwerke und schrieb den Filmtext. Es war genau der richtige Zeitpunkt für die Aufnahmen. Der Umzug vom Albertinum ins Residenzschloss war geplant und dafür mussten die Kunstgegenstände ohnehin aus den Vitrinen und von den Wänden genommen werden. Unser Aufnahmeteam bestand nur aus meiner Frau, dem Restaurator Herrn Bubach und mir. Mit weißen Handschuhen nahm er die Gegenstände aus den Vitrinen, um sie auf eine Drehscheibe oder einen Tisch zu stellen. So war es möglich, jedes Kunstwerk optimal zu beleuchten und zu filmen. Die neue Videotechnik ermöglichte es uns, selbst allerkleinste Gegenstände in Großaufnahme zeigen zu können, zum Beispiel den bekannten Kirschkern mit seinen 185 geschnitzten Gesichtern.

 Um alles wirkungsvoll ins Bild zu setzen, eignete sich die neue, für Makroaufnahmen ohne komplizierte Zusatzgeräte von SONY entwickelte Kamera VX 1000 besonders. Uns gelangen Bilder in einer Feinheit der Struktur, über die selbst Dr. Dirk Syndram staunte: "So genau habe ich die Details noch nie gesehen".

 Die Uraufführung unseres Films fand im Juni 1998 im Gobelinsaal der Gemäldegalerie statt. Darüber veröffentlichte Ursula Fuchs-Materny in den "Dresdner Neuesten Nachrichten" folgenden Artikel:

 "Wunderbares Seh-Erlebnis in der Schatzkammer"

 "...Es besteht kaum ein Zweifel, dass sich der Publikumsbeifall bei der Uraufführung des Videofilms im Gobelinsaal des Dresdner Zwingers unbedingt in der Freude des Betrachters vor dem heimischen Bildschirm fortsetzen wird. Diese resultiert vor allem aus der Ruhe und Aufmerksamkeit des Entdeckens, von der sich Kameramann Ernst Hirsch - selbst [...] gebürtiger Dresdner - bei seinen prachtvollen Aufnahmen leiten ließ. Neueste Aufnahmetechnik nutzend, aber wie er betont, tatsächlich ohne Tricks ("außer bei den Überblendungen natürlich"), führt er die weltberühmten Kostbarkeiten dieser einmaligen Sammlung auf eine Kunst vor, wie sie dem Museumsbesucher live gar nicht möglich sein kann. Der Film ist eine äußerst subtile, sorgsame und stille Arbeit ("wir haben wirklich oft nur zu zweit gearbeitet", so Hirsch). Er nimmt die Pretiosen gleichsam in die Hand, wie das nur ihrem einstigen kurfürstlich-königlichen Besitzer möglich war. Er verfolgt schnell akribisch die Wunder der Details, die außergewöhnlichen Einfälle der Künstler, die Großartigkeit ihrer Kompositionen, die ja meist nur Zentimergröße aufweisen. Die Verschiedenheiten der (oft exotischen) Materialien, der Fantasiereichtum und der Witz der kostbaren Kreationen blühen vor dem Auge der Kamera gleichsam auf. Der Betrachter gewinnt so eine überraschende und beglückende Nähe zu den Kostbarkeiten, die unter August dem Starken zu einer der reichsten Schatzkammern seiner Zeit wurden und bereits 1730 (!) einer begrenzten Öffentlichkeit zugänglich war. [...] Ursula Fuchs-Materny.

Nach dem Umzug des Grünen Gewölbes in die historischen Räume im Erdgeschoss des Residenzschlosses ergänzten wir später den Film zu einem Kunstrundgang, wie ihn heute die Besucher erleben.

 Herrn Goethes und unsere glücklich-große Reise durch die Schweiz (1779/1999)

 Goethes Leben und sein Werk interessierten mich schon während meiner Schulzeit. Das "Goethe-Lesebuch" von Walther Victor nehme ich auch heute noch gern zur Hand. Die Goethe-Stätten in Weimar besuchte ich seit 1949 immer wieder. Diese "Begegnungen" wirkten nachhaltig. In Filmen über Carl Gustav Carus oder Caspar David Friedrich, die ich mitgestalten durfte, sind auch deren Beziehungen zu Goethe in Bild und Text eingeflossen. Gern hätte ich über "Goethes italienische Reise" einen Film gedreht, erhielt aber von der DDR keine Reiseerlaubnis. Mein Freund und Kollege Werner Kohlert hatte dagegen als Regisseur und Kameramann des DEFA-Dokumentarfilmstudios 1981 die Möglichkeit dazu und gestaltete einen wunderbaren Film mit beeindruckenden Bildern. Als ich 1986 mit meinem Film über die Gemälde Canalettos zu einer Ausstellung nach Venedig reisen durfte, hatte ich im Reisegepäck die Beschreibung Goethes von seinem Aufenthalt genau 200 Jahre zuvor in der Lagunenstadt. Das Thema beschäftigte mich erneut, als ich 1999 das Buch von Wilhelm Bode über "Goethes Schweizer Reisen" las, das 1922 in einem Leipziger Verlag erschien. Ganz besonders die Schilderung der Reise von 1779 mit dem jungen Herzog Carl August schien mir als Filmthema geeignet. Gemeinsam mit Renate Hoffmann aus Berlin entstand das Exposé für den geplanten Film. Die Schriftstellerin und Goethe-Expertin kannte ich schon seit vielen Jahren.

 Wir trafen uns zur Reise auf Goethes Spuren mit Renate und Peter Hoffmann Anfang September 1999 in Basel, von wo auch Goethes Reisegesellschaft im Oktober 1779 aufgebrochen war. Gut vorbereitet begann dort unsere gemeinsame Filmtour im eigenen Auftrag. Dankenswerterweise schrieb Renate Hoffmann darüber für dieses Buch den Text:

 "Glücklich war sie [die Reise] für die Weimarer Reisegesellschaft, weil sie vom Grenzübertritt am 1. Oktober 1779 bis zum Ende am 8. Dezember ohne problematische Zwischenfälle verlief. Das Wetter zeigte sich günstig, und die Kondition aller Beteiligten war gut. Die vielfältigen Anregungen und Erlebnisse führen bei J.W.G., wie zu erwarten, zu reichem poetischem Nachklang. Goethes Sorge, es könnte seinem Reisegefährten Herzog Carl August etwas Nachteiliges zustoßen, blieb unbegründet. Immerhin reiste er mit einem jungen Staatsoberhaupt. 

Das Gefühl des Gelingens verließ ihn auf dem langen Weg durch die Schweiz nicht. Er äußerte es im Reiseverlauf mehrfach. Aus Thun schrieb er am 14. Oktober an seine Freundin Stein: 'Es soll recht gut werden denk ich, und bisher hat uns das Glück gar unerhört begleitet. Kein Gedanke, keine Beschreibung noch Erinnerung reicht an die Schönheit der Gegenstände ...'

 Groß war die Tour, denn sie führte mehr als tausend Kilometer in weitem Bogen durch das Land; und sie verlief im Spannungsfeld zwischen mildem Klima am Genfer See und rauen Temperaturen auf dem Furka-Pass. Selbst für Schweizer Verhältnisse war es ein außergewöhnliches Unternehmen. - Als die Reisenden am 12. November in Oberwald im Rhone-Tal eintrafen und ihre Absicht bekundeten, über die Furka zu gehen, 'wunderten sich die Leute nicht wenig', schreibt Goethe, 'solche Gestalten in dieser Jahreszeit zu sehen.' - Jäger Hermann, der mit von der Partie war, hatte zwar geäußert, dieser Schnee wie hier hätte sie im Thüringer Wald allemal. Aber rückblickend sagte er: 'Die Furka ist doch ein Schindluder!'

 Beim Lesen der Reiseberichte, Briefe, Tagebuchnotizen übertrug sich die Goethesche Eindringlichkeit der Schilderungen. Wir beschlossen, dass wir uns auf die Reise begeben. Zweihundertzwanzig Jahre danach. Voller Neugier, was noch vorzufinden sei und nachzuempfinden wäre, wie sich Goethes Ansichten im modernen Helvetien ausnehmen würden.

 Die Auto-Nachwanderung fand vom 5. bis zum 15. September 1999 statt. Sie folgte im Wesentlichen der Goetheschen Reiseroute. Unsere Tour verlief ebenso glücklich. Vom ersten bis zum letzten Tag strahlte der Spätsommer ungetrübt. Wir benötigten allerdings etliche Kilometer mehr als Herr Goethe. Das hängt damit zusammen, dass der Suchquotient der beschriebenen Stationen höher lag als der Findequotient. Am Ende erfüllte uns jedoch großer Respekt vor der touristischen Leistung der Weimarer Reisegesellschaft.

 Unsere Fahrt schloss Überraschungen und Randerlebnisse nicht aus. Zu den Überraschungen gehörte, dass die Schweizer Bürger Goethe - sein Leben, sein Werk - gut kannten. Und die Erinnerung an ihn liebevoll pflegen. Wie gut die Schweizer den Geheimrat kannten, stellte sich bereits während der Reisevorbereitungen heraus. Wir fahndeten telefonisch nach dem Verbleib eines römischen Mosaikbodens, den Goethe beschrieb. Die Direktorin des Römischen Museums in Avenches antwortete auf meine Nachfrage umgehend. Ja, sie wisse, um welches Mosaik es sich handle. Goethe habe an Frau von Stein darüber berichtet und hinzugefügt: Die Schweizer traktierten so etwas Schönes wie die Schweine... Und ich hatte, um diplomatischen Verwicklungen aus dem Wege zu gehen, tunlichst diese Briefstelle nicht erwähnt und mich mit einer ausführlicheren Beschreibung des Mosaiks aufgehalten.

 Es gibt einen "Goethe-Radwanderweg" um Schaffhausen. - Im Altdorfer Hotel "Zum Schwarzen Löwen" lagen Handzettel aus, denen man minutiös entnehmen konnte, was Goethe bei seinem Aufenthalt im Hause tat und unterließ. - Das Gasthaus "Zum Stern" in Amsteg, ebenfalls ein Goethesches Absteige-Quartier, bot ein "Goethe-Menü" an. Auf der Speisekarte steht folgendes Postskriptum: "Wir haben uns bemüht, keine sauren, schweren Weine mehr zu führen, immer im Andenken an den Geheimrat Goethe und seine Schweizreisen ... " und dann folgten die Empfehlungen entsprechender Weine. Goethe hatte sich nämlich über die schlechte Weinqualität im Reuß-Tal beklagt, der man erst "mit Zucker auf- helfen" müsse.

Anders hingegen verhielt es sich mit dem Weingut in Mont-sur-Rolle am Genfer See. Dort besuchte Goethe auf der Reise am 24. Oktober die Schwiegereltern seines Freundes Heinrich Merck. Nun tragen die Bouteillen des Guten die zusätzliche Aufschrift (Übersetzung): "Das Weingut Haute Cour gehörte dem Leutnant Charbonnier, der hier 1779 Goethe während der Weinlese empfangen hat. Der große Dichter beschrieb dieses Anwesen und berichtete von dem Aufenthalt in seinem Reise-Tagebuch." - Das muss man natürlich, über den Werbeanspruch hinaus, als ein Werk der Bildung anerkennen.

Mit Renate Hoffmann bei Filmarbeiten in der Schweiz, 1999. Foto: Cornelia Hirsch
Mit Renate Hoffmann bei Filmarbeiten in der Schweiz, 1999. Foto: Cornelia Hirsch

 Als wir in Schaffhausen das freundliche Land verließen, nahmen wir die Erinnerung an zwei glücklich-große Reisen mit: Derjenigen des Herrn Goethe und seiner Begleitung – und der unsrigen. Auch wir konnten die Ansicht des Oberklassikers aus Weimar bestätigen: "Die Reise gleicht einem Spiel, es ist immer Gewinn und Verlust dabei, und meist von der unerwarteten Seite."

 Über 45 Minuten zeigt unser Film Landschaftsbilder des Reiseweges und historische Ansichten aus der Schweiz des 18. Jahrhunders. Schweizer Freunde bestätigten uns, manches Neue über ihr Land im Film gesehen und gehört zu haben und manches, was ihnen bisher unbekannt war. Leider übernahm keine Fernsehanstalt den Film, so wurde er nur als DVD veröffentlicht, Genügend Zustimmung fand er dennoch.

Auf Ludwig Richters Spuren in Italien

 In den Märchenbüchern meiner Kindheit vermittelten mir besonders die Illustrationen eine bildhafte Vorstellung vom Inhalt und trugen zu dessen Verständnis bei. Der Name des Schöpfers der Zeichnungen und Holzschnitte sagte mir damals noch nichts: Ludwig Richter.

 Nach dem Krieg wohnten wir in Bühlau. Der Schulunterricht fand zeitweise in Loschwitz statt. Der Schulweg entlang der Grundstraße führte vorüber an ein Denkmal neben dem Museum "Rote Amsel", das an den Maler Ludwig Richter erinnert. Auch auf einem Wandbild in der Schule war er zu sehen, und eine Straße trägt seinen Namen. Das waren meine ersten zufälligen Begegnungen mit Ludwig Richter. Erst viel später las ich die "Lebenserinnerungen eines deutschen Malers" und begann mich für seine Bilder in der Dresdner Galerie Neue Meister zu interessieren. Bei der Beschäftigung mit dem Werk des Fotografen August Kotzsch stieß ich erneut auf ihn: Auf einem Kotzsch-Foto ist auch der Maler zu sehen, hatte er doch im Elternhaus von Kotzsch eine Arbeitsstube gemietet und dadurch Einfluss auf dessen künstlerische Entwicklung genommen.

 Auch ich muss sagen, dass mir die Bilder Ludwig Richters immer wichtiger wurden und Anregungen für Filmmotive in der Landschaft gaben. In einem Film für die Fernsehreihe "Kostbarkeiten aus Dresdner Sammlungen" war das Gemälde "Überfahrt über die Elbe am Schreckenstein bei Aussig" das Hauptmotiv. Die fachliche Beratungübernahm Professor Dr. Hans Joachim Neidhardt, der beste Kenner der Werke der romantischen Malerei in Dresden. Zwischen uns entstand besonders nach meiner Rückkehr aus München eine freundschaftliche Beziehung. Die Idee wurde geboren, über den Italienauftritt Ludwig Richters, den er in seinen Lebenserinnerungen ausführlich schildert, "in eigenem Auftrag" gemeinsam einen Film zu machen. Dankenswerterweise gestattete mir Hans Joachim Neidhardt, hier einen Auszug aus seinem Buch "Die ungeteilte Botschaft der Kunst"wiederzugeben:

"Hirsch war nach Jahren des Exils im Westen nach Dresden zurückgekehrt. Er zeigte sich offen für neue Unternehmungen. Ich weiß nicht mehr, wer von uns die Idee aufbrachte, den Spuren des jungen Ludwig Richter in Italien einmal nachzugehen. Es schien uns beiden außerordentlich reizvoll, und wir beschlossen, es eines Tages zu tun.

 Fast auf den Tag genau zwei Jahre später fuhren wir, begleitet von unseren Frauen und Sohn Konrad Hirsch, im geräumigen VW-Bus südwärts. In meinem Gepäck befand sich eine Zusammenstellung von Fotos der Zeichnungen und Skizzen, die der Studiosus der Landschaftsmalerei zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Umkreis von Rom gemacht hatte. Viele davon waren weder signiert noch lokalisiert.

 Wir nahmen die traditionelle Italienroute über München und den Brennerpass. Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als wir bei Colleferro die Schnellpiste verließen und auf gewundener, enger Straße die Hänge des Gebirgs der Aequer erklommen, das man zu Richters Zeiten Sabinergebirge nannte. Unser Hotel in Olevano fanden wir erst nach einigenm Suchen. Es führte den Namen'Il Boschetto', was soviel wie Lustwäldchen bedeutet. Örtlichkeit und Leistungsangebot blieben freilich hinter den Verheißungen des Namens merklich zurück. Die gefliesten Zimmer waren kalt und die Bettdecken dünn.

 Das Bergstädtchen Olevano liegt 600 Meter hoch rund um einen Bergkegel. Die Altstadt ganz oben auf der Höhe mit ihren in- und übereinander geschachtelten, flachgedeckten Steinhäusern macht nicht nur selbst einen höchst malerischen Eindruck; von ihrer Höhe aus hat man auch die schönsten Blicke in die abwechslungsreiche Umgebung. So war der Ort mit seinem Umland schon ein berühmtes Künstlerparadies, als der junge Richter und seine Freunde ihn 1824 besuchten. Vor allem die Landschaftsmaler, die in den Steinmassen Roms vergeblich nach Motiven für Stift und Pinsel suchten, fanden hier jene großartige Natur, die sie zum Schaffen anregte.

 Der nächste Morgen war frisch, und die Luft war klar. Das Städtchen durchquerend, stiegen wir hinauf zur Casa Baldi. Die geräumige Villa steht auf einem kleinen Plateau hoch über der Stadt. Der Landschaftsmaler Joseph Anton Koch genoss als Erster die Gastfreundlichkeit der Familie Baldi, deren Landhaus danach viele Jahrzehnte lang den aus Rom anreisenden deutschen Malern Einkehr und Herberge bot. Auch heute sind die Deutschen hier präsent. Die Villa gehört der Bundesrepublik Deutschland und bietet Stipendiaten der römischen Villa Massimo Unterkunft. Wie viele Maler haben nicht von hier aus den Blick auf das aus dem Felsen wachsende, pyramidenförmig sich auftürmende Olevano vor fernen Gebirgszügen gezeichnet?

Tags darauf besuchten wir die Serpentara, jenen legendären Eichenhain an der sich schlangenhaft zwischen Olevano und Bellegra/Civitella windenden Straße, von dem schon die Künstler zur Zeit der Romantik schwärmten. Zwischen verstreuten Felsbrocken wachsen knorrige Eichen, Ginster und Wacholder. Dieses pittoreske Wäldchen kaufte 1873 der preußische Staat und verhehinderte damit seine Verarbeitung zu Bahnschwellen. Als wir den so oft dargestellten Hain betraten, verfinsterte sich der Himmel. Das Dämmerlicht unter dem Blätterdach ließ die urig aufragenden, mächtigen Stämme wie geisterhafte Wesen erscheinen. Als plötzlich ein Gewitterguss niederging, flüchteten wir in eine Hütte am Rande des Wäldchens, die ein altes Paar bewohnte: Philemon und Baucis begrüßten uns mit landesüblicher Herzlichkeit. Die zahnlose Greisin redete ununterbrochen, lachte mit den hundert Fältchen ihres guten Gesichts und bot uns von ihrem Fladengebäck an. Er mit Brille unterm verbulten Hut wurde nicht müde, uns immer wieder vom selbstangebauten und -gekelterten Wein einzuschenken. Obwohl keiner den anderen verstand, verstanden wir uns prächtig.

Mit Hans Joachim Neidhardt in der Serpentara in Italien, 1996. Foto: Konrad Hirsch
Mit Hans Joachim Neidhardt in der Serpentara in Italien, 1996. Foto: Konrad Hirsch

 Einer, der alle die Bilder virtuell gesammelt hatte, die in dieser durch Schönheit geschaffenen Landschaft von alters her entstanden sind, war der Dottore Domenico Riccardi, der ein vorzügliches Deutsch sprach. Um die Erforschung der lokalen Kunstgeschichte hatte er sich verdient gemacht. Wir besuchten ihn in der Morgenfrühe auf seinem Weinberg östlich von Olevano, den er fachmännisch pflegte.

 Zwischen Weinstöcken voller blauer und grüner Trauben führte er uns zu einer Stelle am Westhang, von wo der Blick zum mächtigen Monte Serrone hinüberging. Riccardi meinte, Richter müsse hier aus dem Entwurf zu seinem späteren Gemälde "Gewitter am Monte Serrone" gezeichnet haben, das sich heute im Museum Städel zu Frankfurt befindet. Die Dramatisierung der Naturszene durch die Gewitterstimmung erwies sich als absolut realistisch beobachtet. Wir erlebten später, wie sich gerade über diesem Gipfel des Öfteren Gewitter zusammenbrauten.

 Einen besonderen Platz in Ludwig Richters Biographie nimmt aber jenes Städtchen Civitella ein, das nur vier Kilometer von Olevano entfernt liegt und 1825 für den Künstler mehrere Monate lang zur Zuflucht in einer körperlichen und seelischen Krise wurde. Es liegt noch einmal zweihundert Meter höher als Olevano auf steilem Felskegel, dessen "bleiche Steinmasse" (L.R.) heute von üppiger Vegetation überwuchert ist. Wir besuchten es immer und immer wieder, und es gelang uns, geführt von Richters Tagebuchnotizen, die alten Häuser, Kapellen, Stadttore und auch sein damaliges Domizil wiederzufinden.

 Jedesmal überraschten Landschaft und Himmel mit neuen, wunderbaren Farben und Lichtstimmungen. Vor der Porta San Francesco liegt hinter einer leichten Senke ein langgestreckter, nach den Seiten steil abfallender Felsrücken, der Sasso Corvi, was soviel wie Rabenfelsen heißt. Wir kletterten in den Kalksteinklippen zwischen Gestein und Gestrüpp umher, im Rucksack den Hefter mit Fotos der Skizzen und Zeichnungen Richters, und fanden viele Motive wieder.

 Schaut man von Civitella aus nach Norden, so erblickt man am Horizont den wunderbaren Doppelberg Rocca di Mezzo als höchste Erhebung der Monti Ruffi. "Mamellen" nennt ihn der Volksmund, da die beiden Rundkuppen an die Brüste eines liegenden Weibes erinnern. Richter hat dem markanten Gebirgspanorama mit seinem noch in Rom entstandenen, heute in Leipzig befindlichen Gemälde ein großartiges Denkmal gesetzt. Doch niemand hatte bisher den Standort des Malers gefunden. Wir hatten eine Kopie dieser Naturstudie bei uns, die dem Bilde zugrunde lag. Und eines schönen Morgens begaben wir uns auf die Suche. Sie führte uns auf abenteuerlichen, ungebahnten Pfaden quer über Weinberge auf eine Höhe unweit von Civitella, das heute Bellegra heißt.

 Es galt, die auf Richters Gemälde im Mittelgrund aufragende Felsenstadt Rocca di San Stefano in das richtige Blickverhältnis zu den dahinter aufragenden Bergrücken zu bringen. Wir fanden den exakten Standpunkt vor einem alten steinernen Weinberghäuschen und gedachten des jungen Mannes, der vor 172 Jahren hier zeichnend gesessen hatte. [...]

 Viele Gegenden des Latium hatten wir im Herbst 1996 aufgesucht, hatten Ludwig Richters Spuren verfolgt von Olevano und Civitella bis nach Subiaco mit seinen Felsenklöstern, zum Albaner Gebirge mit den malerischen Seen und den Städtchen Frascati, Albano und Ariccia. Überall hatte Ernst gefilmt. Wir hatten nun eine Vorstellung von des jungen Richters Erlebnisraum und einen Begriff von der Landschaft. Aber um den Film zu drehen, mussten wir noch einmal hinfahren und zwar mit einem festen Konzept und Szenarium im Gepäck. Ich machte einen Entwurf. Wir packten es gemeinsam an und beschlossen, unseren Film auf Richters Civitella-Aufenthalt im Spätsommer 1825 zu beschränken.

 Wir begannen unsere zweite Italienfahrt Ende April 2000. Ernst hatte diesmal eine Route gewählt, die hinter Trient ostwärts abbiegend über unzählige Serpentinen durch eine Hochgebirgswelt von atemberaubender Schönheit zu einer Passhöhe hinaufstieg und schließlich über Vicenza in die Poebene hinab führte.

 Bei Rimini erreichten wir das Mittelmeer, übernachteten in einem Küstenort namens Porto Sant' Elpidio, wandten uns am nächsten Tag westwärts und durchquerten die Abruzzen in Richtung Rom. Diesmal bezogen wir ein auf der Höhe zwischen Olevano und Civitella gelegenes Quartier. Das einzeln stehende Haus, eine Pension von ländlicher Einfachheit, belohnte mit einem prächtigen Blick nach allen Seiten über das halbe Latium. Die Vermieterin war von herzlicher Gastfreundschaft und lud uns zum Abendessen mit Landwein ein.

 Wir kannten nun genau die Motive, das es zu filmen galt. Da sich jedoch das Wetter trübe und neblig zeigte, besuchten wir zunächst einmal das nahe Tivoli mit seinen herrlichen Gärten, von wo aus unser Held 1824 auf einer nächtlichen Fußwanderung, von einem Packesel begleitet, erstmals nach Olevano herübergekommen war.

Erst nach einer Woche brach endlich die Sonne durch den wallenden Nebel, und wir konnten nun bei schönstem Fotolicht alle die Richter-Motive filmen, die wir mittlerweile aufgespürt haben. Riccardi, der sich uns wiederum als sehr freundlich und nützlich zeigte, half uns, Don Vincenzos Haus in Civitella zu finden, in dem Richter mit seinem Freund Friedrich Ludwig von Maydell seinerzeit untergekommen war und von dessen Fenstern er eine - nach seinen Worten - "unvergleichliche Aussicht über das ganze großartige Gebirge" genoss.

 Das Bergstädtchen besaß noch viele der alten Häuser aus jener Zeit, als sich die Freunde über drei Monate 'in dem ganz originellen Nest' auf-gehalten hatten. Richters Lieblingsplatz aber war eine Stelle in jenen Sasso Corvi genannten Kalksteinfelsen vor dem nördlichen Stadttor, zu der er in den Abendstunden hinüberzusteigen pflegte. In der Verborgenheit dieser Felsenklause mit dem weiten Blick über die Bergwelt war ihm 'unendlich wohl... '- wie es in seinen Lebenserinnerungen heißt.

 Es muss nicht weit von jenem Orte gewesen sein, an dem ich am letzten Abend unseres Aufenthaltes stand und nach Norden schaute, wo in der Ferne die Stadt auf dem Berge im warmen Licht lag. Die Hügelketten haben blauen Schatten, und flache Nebelbänke liegen über den Tälern. Vor mir fiel der Felsen steil ab. In den Abgrund führte kein Weg hinab. Hinten aber am Horizont lag im Schein der sinkenden Sonne das Gebirgsmassiv der Rocca di Mezzo. Richter hatte es täglich aus der Ferne gesehen, oft gezeichnet und mehrfach gemalt, aber nie betreten. Ich hob ein Stück Kalkstein auf und steckte es in meine Tasche. Vielleicht hatte damals sein Schuh es berührt. Ich wollte den Stein nach unserer Heimkehr nach Dresden auf sein Grab legen."

 Der Film über Richters Italien-Reise hat eine Laufzeit von 26 Minuten. Wir boten ihn verschiedene Fernsehanstalten an, er fand jedoch kein Interesse. Wir veröffentlichten den Film schließlich als Videokassette und später als DVD.

 Eine erneute Begegnung mit dem Werk Ludwig Richters war mit einer kunstwissenschaftlichen Sensation verbunden: Das erste Gemälde Richters nach seiner Rückkehr aus Italien, das er 1827 malte, hieß "Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Ta" und war seit 130 Jahren verschollen. 2009 entdeckte es ein privater Sammler zufällig in Budapest im Kunsthandel und übergab es als Leihgabe dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg. Hans Joachim Neidhardt stellte die Echtheit des Werkes fest. Bei der Vorstellung des Bildes in Regensburg war ich mit der Kamera dabei.

 2013 wurde das Denkmal Ludwig Richters auf der Brühlschen Terrasse als Nachguss wieder der Öffentlichkeit übergeben. Ich dokumentierte die Arbeiten in der Kunstgießerei Ihle und die Wiedereinweihung für das Archiv.

 Mein Freund Dietrich Buschbeck schrieb dazu im "Elbhang-Kurier":

 Kleine Merkwürdigkeiten um Ludwig Richter»Kleine Merkwürdigkeiten um Ludwig Richter

 "Stell' Dir vor, ein Dresdner Ehrenbürger kehrt zurück, und kein offizieller Vertreter der Landeshauptstadt geht hin. So geschehen am 28. September an der Brühlschen Terrasse, als der große Sohn unserer Stadt, Loschwitzer Mitbürger und Sommergast Professor Dr. Adrian Ludwig Richter an seinem 210. Geburtstag wieder auf den angestammten Sockel am Albertinum zurückkehrte.

 Die Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten hatten keinen Aufwand gescheut, um die vom ehemaligen Verein Schlösser und Gärten Dresden e. V. angeschobene Wiederaufstellung des Richter-Denkmals (1898 geschaffen, 1943 von den Nazis eingeschmolzen) zu ermöglichen. In den dafür aufgewendeten 300.000 Euro steckten außer namhaften Sponsorengeldern auch eine mit Herzblut zusammengetragene Spende des Blasewitzers Bernd Beyer, die dieser 2003 zu seinem 65. Geburtstag unter seinen Gästen eingesammelt hatte. Eingedenk nachdrücklicher Redebeiträge ('identitätsstiftendes Kunstwerk','bürgerschaftliches Engagement', 'deeller Erinnerungiswert', 'begreifbare Vergangenheit') hätte auch die Dresdner Stadtspitze angesichts ihres Ehrenbürgers (seit 1878) Ludwig Richter angemessen agieren können.

Aber womöglich war Zurückhaltung angesagt, denn nach der damaligen Denkmalentdeckung bemerkten Kunstkenner (und vielleicht auch Anatomen), dass die Proportionen des nun nach fotografischen Vorlagen in Bronze gegossenen Meisters hätten ein wenig korrigiert werden müssen. Dem hätte der ursprüngliche Denkmalschöpfer Eugen Victor Kircheisen zugestimmt, zumal Ludwig Richter nicht durch die (vermeintliche) Größe seines Kopfes, sondern durch die Fülle seines Werkes in Erinnerung geblieben ist.

 Diese Fülle ist offenbar unerschöpflich, denn wenige Tage vor Richters 210. Geburtstag präsentierte die Galerie Neue Meister ein neuerworbenes, bisher unbekanntes (und unvollendetes) Richtergemälde mit dem Titel 'Feierabend', das noch bis Anfang 2014 betrachtet werden kann. Jetzt dürfen die Galeriebesucher sich selbst entscheiden, wo im Albertinum eigentlich die Sensationen hängen - im Ludwig-Richter-Saal oder gleich nebenan in der aktuellen Gerhard-Richter-Sonderausstellung. [...]"

Mehr von und über Ernst Hirsch

In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie mehr über Ernst Hirsch und seine Filmsammlung. Das vorangegangene Kapitel über die Dokumentation des Wiederaufbaus der Frauenkirche Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER. In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.




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