Dresdner Fotografen - Ernst Hirsch Teil 20

Helmut Körner, Ernst Hirsch, Dieter Krull, Peter Makolis, Hans Bohle und Matthias Griebel.

Helmut Körner, Ernst Hirsch, Dieter Krull, Peter Makolis, Hans Bohle und Matthias Griebel.

Kotzsch, Krone, Hahn und andere - mit Gedanken und Erinnerungen von Ernst Hirsch an großartige Dresdner Fotografen setzten wir die Autobiografie "Ernnt Hirsch - Das Auge von Dresden" fort.

Film und Fotografie gehören zusammen. Ohne die Erfindung der Fotografie wäre der Film, dessen Bewegungsillusion erst durch die Projektion von mindestens 16 Einzelbildern pro Sekunde entsteht, nicht möglich. Filmbilder sind fotografische Einzelbilder. Optik und Mechanik gehören immer dazu, aber an erster Stelle für den analogen Film steht als Voraussetzung die Fotografie.

Neben meinen Filmarbeiten habe ich viel fotografiert und richtete mir eine Dunkelkammer ein. Auch theoretisch beschäftige ich mich mit den frühen Verfahren der Fotografie. Dafür gab es gerade in Dresden viele Vorbilder.

 Hermann Krone

 Im Wissenschaftlich-Photographischen Institut der damaligen Technischen Hochschule Dresden besuchte ich 1952 Manfred Gussmann, der dort studierte und den ich vom Laienfilmstudio des Kulturbundes her kannte. Im Treppenhaus des Instituts und in den Korridoren hingen große Lehrtafeln, auf denen die ältesten photographischen Verfahren, wie die vom Franzosen Louis Daguerre 1839 erfundene Ur-Methode der Fotografie, die Daguerrotypie; das "Nasse Collodium-Verfahren" von 1850 und die seit 1880 verwendeten "Trocken-Platten" mit vielfältigsten Beispielen dargestellt waren. Auf jeder Tafel stand der Name Hermann Krone. Ich schaute mir diese Lehrtafeln genauer an, auch die Kameras und sonstigen Geräte in den Glasvitrinen, die aus dem Nachlass von Professor Hermann Krone, dem Gründer des Instituts, stammten. Ich hatte den Namen bis dahin noch nicht gehört, aber mein Interesse war geweckt. Wer war Hermann Krone? 1827 in Breslau geboren, widmete er der Fotografie fast 70 Jahre seines Lebens und leistete Pionierarbeit auf allen Gebieten dieses Mediums - anfangs in Breslau, dann in seinem ersten Atelier in Leipzig und ab 1852 ständig in Dresden. Die Motive Krones sind wichtige Zeugnisse des Dresdner Stadtbildes aus dem 19. Jahrhundert mit Ansichten von Augustusbrücke und Brühlscher Terrasse mit Hofkirche. Das erste Opernhaus Gottfried Sempers, welches 1869 abbrannte, und dessen Ruine sind in großformatigen Aufnahmen erhalten geblieben.

Hermann Krone mit Kamera und Objektiven in seinem Dresdner Atelier, um 1856.
Hermann Krone mit Kamera und Objektiven in seinem Dresdner Atelier, um 1856.

Als erster Landschaftsfotograf zog Krone mit seinen fotografischen Utensilien, die er auf einen Handwagen packte, durch die Sächsische Schweiz und schuf die frühesten Aufnahmen dieser Gegend. An der Basteibrücke findet sich noch heute, in den Felsen gemeißelt, eine Inschrift in lateinischer Sprache: "Hermann Krone hic primus luce pinxit 1853" - "Hier malte Hermann Krone 1853 als Erster mit Licht". Im "Landschaftsalbum der Sächsischen Schweiz" veröffentlichte er 37 dieser Aufnahmen auf Salzpapierabzügen.

In seinem Atelier auf der Waisenhausstraße in Dresden entstanden auch zahlreiche Porträts bekannter Dresdner Zeitgenossen. Auf einem Selbstporträt sieht man ihn, umgeben von Kameras und vielen Objektiven, die er als Vertreter der Optischen Werke Busch aus Rathenow verkaufte.

 Er gründete 1869 in Dresden die "Photographische Gesellschaft" und einen Lehrstuhl für Photographie am damaligen Polytechnikum, das spätere Wissenschaftlich-Photographische Institut. Ihm übergab er auch sein "Photographisches Lehrmuseum". Sein Wahlspruch lautete: "Im Licht durch's Licht zum Licht". Hermann Krone lebte bis 1916. Er starb hochbetagt in Laubegast, damals noch ein Vorort von Dresden.

 Erst Jahre nach diesen ersten Begegnungen mit Krones Lehrtafeln lernte ich Dr. Irene Schmidt kennen, die als Dozentin an der TU wirkte und sich intensiv mit dem Fotografen Krone beschäftigte, sein Andenken bewahrte und ab 1981 die Krone-Sammlung betreute. Sie beauftragte mich, Bilder Krones zu reproduzieren und von den überlieferten großformatigen Platten neue Papierabzüge anzufertigen. Ein hoher Vertrauensbeweis für mich: In meinem Labor  kopierte ich mit größter Vorsicht die unersetzlichen Original-Platten, die ein Format von bis zu 30 x 40 cm haben. Zu dieser Zeit gab es noch keine digitalen Scanner. Alles wurde auf photochemische Weise analog bearbeitet. Frau Dr. Schmidt verdanke ich viele Kenntnisse über die historische Fotografie, besonders natürlich über Hermann Krone.

In ihrem schönen Heim in Dresden-Bühlau tauschten wir uns in langen Gesprächen aus und ich durfte ihr umfangreiches Archiv nutzen. 1990 gründete sie zusammen mit Fotohistorikern die "Neue Photographische Gesellschaft in Sachsen e. V."in Dresden, deren Mitglied ich wurde. Frau Dr. Schmidt starb am 19. April 2004. Aus ihrem Nachlass konnte ich viele Bücher und Fotos übernehmen.

 Die intensive Beschäftigung mit den Aufnahmen Hermann Krones regte mich an, einen Film über diesen bedeutenden Pionier der Fotografie zu drehen. Gemeinsam mit Manfred Gussmann, der aus der Zeit seines Studiums im Wissenschaftlich-Photographischen Institut der TU den Krone-Nachlass bereits kannte, und gefördert von der Sächsischen Landesanstalt für private Medien, realisierten wir den Film mit dem Titel "Mit Licht malen" nun schon nicht mehr mit der herkömmlichen Filmkamera - die Videokamera hatte sie abgelöst. Mit dieser leichten Ausrüstung filmten wir in der Sächsischen Schweiz die bis heute erhaltenen Motive Krones und verglichen sie mit seinen Bildern, ebenso fuhren wir in seine Geburtsstadt Breslau, wo uns im Landesmuseum originale Daguerrotypien Krones vorgelegt wurden. Vom Turm der Elisabethkirche, von dem einst die Krone fotografierte, nahmen wir über 150 Jahre später ähnliche Motive auf wie er.

 Die großformatigen Fotos Krones sind so scharf, dass selbst Ausschnitte daraus möglich waren und eine neue Sicht auf die Bilder ergab. Den Film, den leider keine Fernsehanstalt übernehmen wollte, übergaben wir dem Krone-Archiv und veröffentlichten ihn als DVD.

August Kotzsch

 Mein Interesse an der Persönlichkeit und den Arbeiten des Fotografen August Kotzsch, der von 1836 bis 1910 im Dorf Loschwitz lebte und wirkte, entwickelte sich im Verlauf von vielen Jahren. Im Nachlass meiner Großmutter fanden sich einige Aufnahmen mit Ansichten des Ortes, versehen mit einem Prägestempel: August Kotzsch, Photograph in Loschwitz bei Dresden. Meine Mutter, die hier ab 1907 zur Schule gegangen war, erzählte mir von ihrem Lehrer Otto Kotzsch, einem Sohn des Fotografen. Sie erinnerte sich auch an dessen Vorträge mit großformatigen Dias im Heimatkundeunterricht.

August Kotzsch, handcoloriertes Porträtfoto, 1908. Foto: Hermann Kotzsch, coloriert von Robert Langbein
August Kotzsch, handcoloriertes Porträtfoto, 1908. Foto: Hermann Kotzsch, coloriert von Robert Langbein

 August Kotzsch war der Sohn einfacher Landleute in Loschwitz, wo er 1836 geboren wurde. In seinem Elternhaus hatte der Maler Ludwig Richter 1852 einen Arbeitsraum gemietet. Der sechzehnjährige August kopierte gleichsam als Nachbar Zeichnungen von Ludwig Richter. Um 1860 übernahm Kotzsch aus dem Nachlass des Malers Johann Niemann einige fotografische Utensilien und erwarb sich Kenntnisse in der Anwendung des sogenannten Nassen Kollodiumverfahrens, welches nach 1850 das umständliche Verfahren der Daguerrotypie abgelöst hatte. Die Chemikalien dafür bezog er aus der Apotheke in Loschwitz. In einer fahrbaren Dunkelkammer präparierte er die Fotoplatten am Ort der Aufnahme, denn sie mussten in nassem Zustand belichtet werden. So beschränkte sich sein Wirkungskreis zunächst auf das Dorf und die nahe Umgebung von Loschwitz. In mehr als 30 Jahren schuf er mehr als 700 Aufnahmen: Porträts, lokale Ereignisse, Alltagsszenen, Handwerker bei der Arbeit und ebenso eine Fülle wunderbarer sogenannter Studienblätter, Naturaufnahmen aus einem malerisch-künstlerischen Blick, in denen er bereits den kommenden fotografischen Stil vorausnahm.

 Als ich um 1979 auf die Bilder von August Kotzsch aufmerksam wurde, war das allgemeine Interesse an alten Photographien noch nicht sehr groß. Natürlich waren die Nachlässe von bedeutenden Photographen aus England, Frankreich oder Amerika schon erforscht, aber Kotzsch war unbekannt.

 In verschiedenen Archiven, im Sächsischen Staatsarchiv, dem Stadtmuseum und in der Ortsgeschichtlichen Sammlung des Baurats Scherz in Blasewitz fanden sich viele bis dahin unbeachtete Bilder. Auf der Hüblerstraße existierte noch das Atelier von Hermann Kotzsch, einem Sohn des Photographen, der die Familientradition ebenso fortgeführt hatte wie auch der Enkel Werner Kotzsch, den ich noch kennenlernte. Ihm verdanke ich viele Informationen zur Familie. Er schenkte mir ein coloriertes Porträt seines Großvaters. Die meisten Original-Abzüge bewahrt aber in Stralsund August Kotzschs Urenkel Volkmar Herre auf, der ebenfalls ein namhafter Fotograf geworden ist.

 Die Fülle des Bildmaterials und die gewachsenen Kenntnisse über das Leben von August Kotzsch ließen irgendwann den Gedanken aufkommen, den Fotografen in einem Buch vorzustellen. 1986 brachte der Dresdner Verlag der Kunst dann einen umfangreichen Bildband heraus, den Volkmar Herre und Matthias Griebel gemeinsam mit mir entwickelten und gestalteten. Sicher trug zum Erfolg auch bei, dass der Verlag Schirmer/Mosel in München Interesse an einer Lizenzausgabe zeigte, und so wurden 14.000 Exemplare des Buches gedruckt und in kurzer Zeit verkauft. In eine Ausstellung im Leonhardi-Museum in Loschwitz, in der ein großer Teil der Original-Abzüge gezeigt wurde, kamen 12.000 Besucher.

 Durch das Buch und die Ausstellung wurde Kotzsch endlich bekannt. Mit zwei weiteren großen Ausstellungen 1992/93 im Kupferstichkabinett Dresden und der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart unter dem Titel "August Kotzsch - Pionier der deutschen Photographie" wurde er endgültig in die Kunstgeschichte eingeführt.

 August Kotzsch verkaufte seine Bilder seinerzeit "Von Loschwitz nach Amerika". So lautete auch der Titel einer weiteren Ausstellung im Jahr 2010 im Stadtmuseum Dresden, in der 246 Arbeiten von Kotzsch gezeigt wurden. Für den Katalog dieser Ausstellung schrieb ich einen Beitrag über "Kameratechnik und photographisches Verfahren bei August Kotzsch".

 1988 war das Dresdner Fernsehstudio an einem Film über das Leben und Wirken von August Kotzsch interessiert. Kotzschs Fotografien sollten selbstverständlich den Hauptinhalt des Films bilden. Wie konnten fotografische Vorlagen filmisch dargestellt werden? Reizvoll schien mir die Möglichkeit, die Aufnahmen am Tricktisch zu animieren. Eine Gestaltungsweise, die es ermöglicht, ausgehend vom gesamten Bild, sich durch langsame Kamerafahrten an wichtige Ausschnitte anzunähern und so auf Details aufmerksam zu machen. Dazustellte ich eigene Filmaufnahmen von noch erhaltenen fotografischen Utensilien aus dem Besitz von Kotzsch, vom Wohnhaus, seinem Garten, dem heutigen Ort Loschwitz und dessen reizvoller Umgebung.

 Aus diesem Wechsel von Trick- und Realaufnahmen, kombiniert mit Text und Musik, setzt sich der Film zusammen, der 1990 gesendet und in Ausstellungen gezeigt wurde.

Walter Hahn

 Schon in meiner Schulzeit fielen mir bei Wanderungen in der Sächsischen Schweiz an Andenkenständen und in Gaststätten Ansichtskarten von besonderer Qualität auf, echte Handabzüge des Fotografen Walter Hahn, den ich leider nicht persönlich kennenlernte, mit dessen Leben und Wirken ich mich aber intensiv beschäftigte. Warum sich für mich besondere Beziehungen zu ihm ergeben haben, will ich hier schildern.

 Walter Hahn lebte von 1889 bis 1969. Schon während seiner Lehre als Lithograph begann er, mit der Kamera zu arbeiten. Ab 1908 fotografierte er Kletterer in der Sächsischen Schweiz bei schwierigen Aufstiegen auf neuen Kletterwegen. Ab 1915 erschienen seine Ansichtskarten im Handel. Ab 1922 begann er, gemeinsam mit dem Reklameflieger Ernst Fröde, aus dem Flugzeug zu fotografieren und zu filmen. Luftaufnahmen waren damals ein Novum.

 Für meine Sammlung konnte ich die beiden von Hahn benutzten großformatigen Ernemann-Luftbildkameras erwerben. Diese Kameras wurden 1914 für militärische Zwecke konstruiert und im Fotoformat von 13 x 18 cm mit einem Schlitzverschluss bis zu einer Tausendstel-Sekunde Belichtungszeit gebaut.

 Der Schlitzverschluss einer der Kameras war defekt. Ich suchte Ersatz. In Pillnitz gab es die Firma Mentor. Deren Mitarbeiter hatten viel Facherfahrung und spannten neues Gummituch in den Verschluss ein. Es fehlen jedoch die Kassetten für die Platten.

 Ein kleines Wunder geschah: In einem Container neben der Lukaskirche, in der ein Studio für Schallplattenaufnahmen eingerichtet war, fand der Tonmeister Horst Kunze, ein Bekannter von mir, mehrere Wechselkassetten, für die er keine Erklärung hatte und die er mir zeigte. Es waren tatsächlich die zu den Kameras von Walter Hahn gehörenden Kassetten, eindeutig durch den Stempel ersichtlich: Walter Hahn, Fotograf, Leonhard-Frank-Straße 26. Diese Straße liegt ganz in der Nähe der Lukaskirche, wo der Container stand. Wer mochte die Kassetten entsorgt haben?

 So wie einst Walter Hahn wollte ich mit dieser nun wieder funktionstüchtigen Kamera Luftaufnahmen versuchen. Gemeinsam mit dem Luftbildfotografen Peter Schubert aus Dresden starteten wir am 17. April 2009 mit dessen Flugzeug und der Kamera an Bord vom Flugplatz Kamenz. Die Aufnahmen gelangen und sind Zeugnisse der hohen Qualität und Gebrauchsfähigkeit der Ernemann-Kamera noch nach 100 Jahren.

Walter Hahn hat aus dem Flugzeug heraus auch gefilmt. Die Filmkameras waren damals für Aufnahmen aus dem Flugzeug wenig geeignet, der Kameramann saß ungeschützt im offenen Cockpit und kurbelte mit der Hand. Obwohl die Bilder stark schwanken, sind die Filmaufnahmen aus den 1920er Jahren, die Dresden von oben zeigen, wertvolle Dokumente. Einige der Filme fand ich im DDR-Filmarchiv und bei einem Sammler in Leipzig, der aus dem Nachlass von Walter Hahn Postkarten gekauft hatte. Dabei waren auch 35-mm-Filmnegative. Sofort erkannte ich: Das sind ja die Aufnahmen von der Landung der Wasserflugzeuge 1925 auf der Elbe bei Johannstadt. Es gab zwar Fotos von diesem Ereignis, aber bislang keine Filmaufnahmen. Der Sammler übergab mir die Filme und zusätzlich noch eine Rolle mit einem auf Leinwand aufgezogenen Bild, mit dem er nichts anzufangen wusste. Nach sorgfältiger Glättung und späterer Restaurierung zeigte sich, dass es sich um das Original der von Walter Hahn geschaffenen Karikatur "Die Besteigung der Barbarine im Jahre 1920" handelte. Das Bild ist 136 cm hoch und 92 cm breit. Dargestellt ist in humorvoller Weise, wie die Felsnadel von vielen Bergsteigern förmlich "erstürmt" wurde. Heute darf die Barbarine nicht mehr bestiegen werden.

Walter Hahn. Foto: Anni Arnhold
Walter Hahn. Foto: Anni Arnhold

Eine Filmaufnahme Hahns in Fliegermontur mit der Luftbildkamera, 1926 von der Dresdner Fotografin Anni Arnhold gemacht, die ihr Atelier auf dem Kronprinzenplatz 3 (heute Conertplatz) in Dresden-Löbtau hatte, konnte ich ebenso erwerben. Walter Hahns Dresdner Stadtansichten, besonders die letzten Luftaufnahmen der unzerstörten Stadt von 1943, sind außergewöhnliche Dokumente. Meine Frau entdeckte in einem Dresdner Antiquariat mehrere von Hahn selbst vergrößerte und signierte sogegenannte "Vintage Prints", die den Neumarkt und den Zwinger von oben zeigen.

 Von der Einäscherung der Opfer des Bombenangriffs vom 13. Februar 1945 auf dem Altmarkt fertigte Hahn beeindruckende Schwarz-Weiß-, aber auch Farbaufnahmen an, die im Stadtarchiv gesichert sind. Walter Hahns Frau kam beim Bombenangriff ums Leben, sein Sohn war im Krieg gefallen, nur er hatte überlebt, und sein Archiv war ausgelagert. Etwa 15.000 Aufnahmen und Negative aus dem Nachlass von Walter Hahn aufbewahrt und pflegt heute die Deutsche Fotothek in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.

 Weitere Dresdner Fotografen und Bildreporter

 als Filmreporterin der "Aktuellen Kamera" kam ich bei aktuellen Ereignissen oft mit Pressefotografen zusammen - wir kannten uns. Der Umgang miteinander war sehr kollegial. Keiner drängte den Kollegen vom Motiv weg oder behinderte ihn. In der Sektion Bildreporter des Verbandes der Journalisten trafen wir uns und tauschten uns aus.

 In Dresden erschienen nicht nur Tageszeitungen, sondern auch die Illustrierte "Zeit im Bild", für die die Bildreporter Bernhard Braun, Paul Friedemann und Eberhard Buschmann arbeiteten.

 Richard Peter sen. 1895-1977

 Der Bildjournalist Richard Peter war in den 60er und 70er Jahren den jungen Fotoreportern ein großes Vorbild. Er hatte in den 20er und 30er Jahren sozialkritische Reportagen für die "AIZ", die "Arbeiter Illustrierte Zeitung", gestaltete und hatte in der Nazizeit Arbeitsverbot. Nach dem Krieg schuf er mit seinem Bildband "Dresden – eine Kamera klagt an" unmittelbar nach der Zerstörung der Stadt ein erschütterndes Dokument. Mit seiner Bildgestaltung und Auffassung der Motive schuf er einen besonderen Bildstil.

 In der Sektion Bildjournalisten gab er uns jungen Kollegen Ratschläge zur Bildgestaltung und wies uns auf besondere Motive in der Stadt hin. Das wiederaufgebaute Rathaus mit dem charakteristischen Baum am Georgplatz  war ein solches Motiv. Als 1995 sein Witwe Ly Peter für eine Neuauflage des Buches einen Verlag suchte, empfahl ich den Fliegenkopf Verlag in Halle. Der bekannte Fotojournalist Werner Wurst und der damalige Direktor des Dresdner Stadtmuseums, Matthias Griebel, schrieben das Nachwort.

 Das Foto-Duo Höhne/Pohl

 Unzertrennlich waren die beiden Bildreporter Erich Höhne (1912-1999) und Erich Pohl (1904-1968). Sie kannten sich seit 1930 und gründeten nach 1945 den "Dresdner Bilderdienst". Bei allen wichtigen Anlässen in Dresden waren sie dabei und fotografierten. Oft nahm der eine den anderen auf die Schulter, um so von einem erhöhten Standpunkt aus fotografieren zu können. 26.000 zeitgeschichtlich wertvolle Aufnahmen von den beiden Bildreportern sind in der Deutschen Fotothek archiviert.

 Erich Höhne war im Krieg als Laborant bei Zeiss Ikon angestellt. Dort erhielt er im November 1942 den Auftrag, die Einrichtung eines Lagers für die noch in Dresden verbliebenen 300 Juden mit der Filmkamera aufzunehmen. Sie lebten zu dieser Zeit bereits in sogenannten Judenhäusern in der Stadt, aus denen sie in ein Barackenlager am Heller umziehen mussten. Als Zwangsarbeiter arbeiten sie im sogenannten Goehle-Werk von Zeiss Ikon für die Rüstungsindustrie. Erich Höhne filmte an einem Tag im November 1942 auf der Sporergasse in der Innenstadt, wie die Koffer der Juden verladen wurden, den Auszug der Bewohner aus dem jüdischen Altersheim auf der Eliasstraße, er filmte in der Städtischen Desinfektionsanstalt auf der Rosenstraße und die Ankunft der neuen Insassen auf dem Lagergelände am Heller. Den Film bewahrte er jahrzehntelang versteckt bei sich auf. Er hätte ihn vernichten können, aber er übergab ihn mir 1995, als er sein Archiv auflöste, voll Vertrauen, aber wohl auch in der Hoffnung, dass ich als Filmdokumentarist verantwortungsvoll mit diesem einmaligen Material umgehen würde.

 Beim Öffnen der Filmbüchse entwich ein starker Geruch von Essigsäure. Im Lauf der vielen Jahre hatte sich auf dem Film eine Salzschicht gebildet. Er konnte in diesem Zustand nicht mehr vorgeführt werden. Nur mit Hilfe einer Lupe war der verblasste Filmtitel zu ermitteln: "Zusammenlegung der letzten Dresdner Juden in ein Lager auf den Hellerbergen". Ich erkannte sofort den besonderen Wert dieses Dokuments und bemühte mich darum, die Aufnahmen wieder sichtbar zu machen.

 Wie gelang die Rettung des Films? Ich kannte einen in Berlin tätigen Trickkameramann, der im Fernsehfunk eine Oxberry-Kopiermaschine zur Verfügung hatte. Damit wurde es möglich, in mühevoller Kleinarbeit den 16-mm-Film Bild für Bild auf 35 mm Breite umzukopieren. Wir probierten verschiedene Filmmaterialien aus, bis wir mit einem ORWO-Duplikat-Film das geeignete Material fanden. So gelang es durch Umkopieren, den Film zu retten und wieder vorführbar zu machen. Erst jetzt wurden die erschütternden Szenen sichtbar.

Erich Höhne.
Erich Höhne.

 Die Idee, auf der Grundlage dieses einmaligen Dokuments einen längeren Film zu gestalten, realisierte ich gemeinsam mit meinem Freund Ulrich Teschner, mit dem ich schon vor 1989 mehrere Filme gedreht hatte. Erich Höhne schilderte uns die Umstände, unter denen er 1942 den Film aufgenommen hatte. Auf dem Heller, wo in einer Kiesgrube das Lager stand, fanden wir keinerlei Spuren mehr. In einer nahegelegenen Kleingartenanlage sprachen wir mit einem Mann, der sich erinnerte, wie sein Großvater 1943 nach der Auflösung des Lagers Hellerberge gesagt hatte: "... die Juden sind weg." Diesen Ausspruch wählten wir als Filmtitel. Auf der Suche nach Zeitzeugen sprachen wir mit Henny Brenner, geborene Wolf aus Dresden, die uns mit dem Geiger Henry Meier aus Cincinnati in den USA bekannt machte. Meier wurde nach der Auflösung des Lagers 1943 nach Auschwitz deportiert und überlebte nur, weil er Mitglied der Lagerkapelle war. Andere ehemalige Dresdner Juden, denen wir unseren Film zeigen, trafen wir in Israel und übergaben eine Kopie für das Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem.

 Dresdner Berufsfotografen und die neue Werbe-Fotografie

In den 1950er bis 1970er Jahren existierten noch viele traditionelle Fotoateliers. Gut gekleidet ging man dorthin, ließ sich porträtieren, Hochzeits- oder Kinderbilder anfertigen. Auf dem Weißen Hirsch gab es das Atelier von Georg und Helmut Klemm, am Albertplatz "Foto-Bähr", Erica Stroedel arbeitete an der Bautzner Straße, Käthe Basarke Prager Straße 30.

 Neben diesen Hauptgebieten der Berufsfotografie entstand ein Bedarf an Werbefotos. Für die Gestaltung von Messeständen auf den Leipziger Frühjahrs- und Herbstmessen, für Prospekte, Plakate und andere Werbemittel wurden zunehmend gut gestaltete Fotos benötigt.

 In Dresden hatte sich der Fotograf Helmut Körner auf der Goetheallee zu diesem Zweck ein Atelier eingerichtet. Er wurde 1918 in Dresden-Gorbitz geboren, wo er mit seinen Eltern im ehemaligen Gasthaus "Zum Reichsschmied" wohnte. Dort hatte sich im einstigen Tanzsaal auch die Filmfirma Boehner ein Studio einge richtet. Darüber habe ich schon im Kapitel "Unterwegs mit der Aktuellen Kamera" berichtet. So kam der junge Körner mit Film und Fotografie in Berührung. Er wurde Kameraassistent und war später Schüler bei Pan Walther, einem Fotografen, der durch seine anspruchsvollen Fotografien bekannt und mit Künstlern wie Josef Hegenbarth und Hermann Glöckner befreundet war. Pan Walther hatte sein Atelier auf der Pillnitzer Landstraße in Loschwitz.

 Helmut Körner war hauptsächlich als Werbefotograf tätig. Als einer der ersten in Dresden fertigte er von seinen Aufnahmen selbst farbige Papierbilder an. Er bildete Lehrlinge aus, zu denen auch mein Schwager Michael Arndt gehörte. Einige der jungen Fotografen schlossen sich nach 1960 einer Arbeitsgruppe zusammen, die sich "Grafik-Foto-Film-Werbung", abgekürzt "GFF-Werbung", nannte. Eine neue, moderne Bildgestaltung in der Werbefotografie war ihr Ziel und bald auch das erfolgreiche Ergebnis ihrer Zusammenarbeit. Da es an geeigneten Atelierräumen fehlte, hatten sie sich anfangs in der ehemaligen Gaststätte "Elbschlösschen" in Niederpoyritz, später auf der Kaitzer Straße Arbeitsräume eingerichtet. Zu dieser Gruppe gehörten Dieter und Evelyn Krull, die sich mit Modebildern und freien künstlerischen Arbeiten beschäftigten, sowie Wolfgang Krammisch, der dem Fotografen Walter Hahn nacheiferte. Seine großformatigen farbigen Landschaftsaufnahmen sah man alljährlich in vielen Kalendern. Michael Arndt hatte sich auf Industriefotos spezialisiert und eine große Blitzanlage zur Ausleuchtung von Werkhallen gebaut. Bis in den 1970er Jahren waren neue Kameras und Objektive, Dunkelkammereinrichungen, Platten und Planfilme für Schwarz-Weiß- oder Farbaufnahmen, Fotochemikalien und Fotopapier immer knapp und schwer zu beschaffen. Trotzdem entstanden beachtenswerte Leistungen. Uns alle verbindet heute noch eine langjährige Freundschaft.

Mehr von und über Ernst Hirsch

In der nächsten Woche setzten wir die Autobiografie fort, dann lesen Sie mehr über die Welt des großen Films. Das vorangegangene Kapitel erzählt u.a. über Hirschs Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten - von Otto Dix bis Fritz Löffler. Diesen Auszug können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIERs://www.leben50.de/unter-uns/ernst-hirsch-das-auge-von-dresden-teil-1-3059341.

In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.

                        

                        

                        

                        

                        

                        

                        

                        

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