Ernst Hirsch mit Normalfilmkameras der Firma Schneider und einer AK 16 , 2012. Foto: Ernst Hirsch
Die Autobiografie "Ernst Hirsch - Das Auge von Dresden" neigt sich dem Ende zu. Im vorletzten Kapitel macht Sie Ernst Hirsch mit den Schätzen seiner Film- und Fototechnik bekannt
Ein Leben mit Film- und Fototechnik
Wenn ich darüber nachdenke, wodurch mein Interesse an Foto- und Filmtechnik geweckt wurde, erinnerte ich mich an Kindheit und Jugend, als erste Begegnungen und der spielerische Umgang mit Geräten dieser Art unbewusst auf mich einwirkten. Dann kamen die förderlichen Umstände während der Lehrzeit, später die Arbeit im Laienfilmstudio des Kulturbundes und ab 1953 die Tätigkeit für das Fernsehen dazu. In den vorangegangenen Kapiteln erzählte ich dies alles ausführlich. Nachdem ich auch die Filmsammlung beschrieben habe, werde ich mich nun einzelnen Objekten meiner film- und fototechnischen Sammlung zuwenden.
Für die Umsetzung kreativer künstlerischer Ideen genügen einem Schriftsteller Papier und Tinte, dem Maler Farben, Pinsel und Leinwand, dem Bildhauer Hammer und Meißel. Aber um den Beruf eines Kameramanns oder Fotografen ausüben zu können, sind komplizierte technische Geräte die Voraussetzung.
Warum sind diese aus den einfachen Werkstoffen - Holz, Leder, Metall und Glas - bestehenden, vom Erfindergeist erdachten und durch menschliche Fertigkeiten entstandene "Wunderdinge", wie ich sie bezeichnen möchte, für mich so faszinierend? Ohne die Film- und Fototechnik und ohne die lichtempfindlichen Aufzeichnungsmaterialien der Fotochemie wäre meine berufliche Laufbahn nicht möglich gewesen. Ich begann mit meiner Arbeit in einer Zeit, in der die technische Entwicklung von Film- und Fotokameras, deren optische Ausstattung und die Fotochemie auf traditioneller analoger Basis weitestgehend abgeschlossen war. Diese Entwicklung ging in manchen wichtigen Details bis ins Jahr 1892 zurück, als der amerikanische Erfinder Thomas A. Edison die Filmabmessung mit 35 mm Breite einschließlich der Perforation festlegte. Diese Parameter sind über einhundert Jahre unverändert geblieben – einmalig in der Technikgeschichte.
Die Schwarz-Weiß-Aufnahmematerialien waren zwar lichtempfindlicher geworden und Reportagen auch unter ungünstigen Lichtverhältnissen möglich. Farbfilme stellte die Filmfabrik AGFA-Wolfen auch für Amateurfilmer her: 8-mm-, 16-mm-, ja sogar noch 9,5-mm- Umkehrfilme waren im Angebot und farbige Kleinbild-Diapositive waren nicht nur für Urlaubserinnerungen beliebt. In staatlichen Läden der Foto-Industrie - in Dresden war es der ILAFOT am Altmarkt - konnten, wenn auch nicht immer in ausreichendem Maß, Kameras, Fotochemikalien und Zubehör gekauft werden. Dresdens Kameraindustrie stellte ein breites Sortiment verschiedenster Kameras her, von der preiswerten Box bis zur hochwertigen Kleinbild- oder großformatigen Panoramakamera. Die Objektive dazu lieferten Zeiss Jena oder Meyer-Görlitz. Einige Inhaber der bis 1972 zum Teil noch privaten Betriebe lernte ich persönlich kennen, wie Karl Pouva aus Freital oder Rudolf Großer, in dessen Betrieb in Pillnitz die Mentor-Kameras entstanden. Die Berufsfotografen haben in ihren Ateliers Porträts und Familienfotos zumeist noch ganz klassisch mit großformatigen Plattenkameras oder mit Mittelformatkameras auf, ebenso arbeitete die Industrie- und Werbefotografie. Pressereporter fotografierten mit Kleinbild- oder Mittelformat-Kameras, zur Beleuchtung dienten ihnen sehr schwere Elektronenblitzgeräte.
Seit Beginn meiner beruflichen Tätigkeit bewahre ich alle Film- und Fotokameras auf, mit denen ich gearbeitet habe. Dazu auch Geräte mit technischen Besonderheiten oder wegen bemerkenswerter persönlicher Umstände ihrer einstigen Besitzer. Dabei geht es mir nicht um den materiellen Wert der Objekte, sondern um die Geschichten, die damit zusammenhängen und die mir fast wertvoller sind als das technische Gerät. Meine Sammlung umfasst Filmkameras, Filmprojektoren, Fotokameras, Objektive, Tonaufnahmegeräte und Zubehör. Aus diesem umfangreichen Bestand möchte ich nur einige Geräte beschreiben, die mir besonders wichtig erscheinen. Ich beginne mit den Filmkameras, die fast alle in Dresden konstruiert und gebaut wurden.
Die Sammlung von Filmkameras
Kino-Kamera Ernemann 17,5 mm
Die erste Amateurfilmkamera für 17,5-mm- Schmalfilme mit dem Namen Kino brachte die Firma Heinrich Ernemann aus Dresden 1903 heraus. Zwei verschiedene Modelle der heute sehr seltenen Kameras aus meiner Sammlung sind noch funktionsfähig, allerdings gibt es den dafür notwendigen Spezialfilm schon lange nicht mehr. Die Geräte nehmen schon allen späteren Entwicklungen professioneller Filmkameras vorweg, wie zum Beispiel den Sperrgreifer, Wechselkassetten und Kombinationsmöglichkeiten wie die Verwendung als Projektor und Kopiergerät. Deshalb konnten wir die in Südtirol aufgefundenen Filme damit umkopieren.
Durch Tausch erlangte ich meine erste Kino-Kamera. Ein Mitarbeiter des Ilafot Dresden besaß diese Seltenheit, sammelte jedoch nur Box-Kameras. Im Tausch gegen meine Box-Sammlung erhielt ich von ihm die kleine Filmkamera.
Von diesen Kino-Kameras haben sich nur wenige Exemplare erhalten, noch seltener sind sie mit allem Zubehör und dazu noch im Originalkarton. Bei einem Sammlertreffen in der Lausitz sah ich ein solches Kleinod: Der Malermeister Jost Grunert aus Sohland an der Spree hatte es mitgebracht. Mein Interesse daran war groß, er wollte sich jedoch keinesfalls davon trennen. Nach einigen Jahren trafen wir uns wieder, ich wiederholte meinen Wunsch und nun mehr willigte er im Tausch gegen ein großes Messingobjektiv von 1860 ein.
Ernemann Normalfilm-Kameras
Verschiedene ältere Modelle von Normalfilmkameras der Firma Ernemann mit Holzgehäusen, hergestellt zwischen 1914 und 1916, gelangten auf unterschiedliche Weise in meine Sammlung. In Zittau kaufte ich aus dem Nachlass eines Industriellen eine Ernemann C, mit der dieser schon vor 1914 seine Familie gefilmt hatte - Filmszenen, die ich gleich mit erwarb.
Kinamo hieß die erste mit einer federwerkgetriebenen 35-mm-Kamera von Emanuel Goldberg, 1926 in Dresden für die Firma ICA konstruiert. Sie ermöglichte Aufnahmen aus freier Hand ohne Stativ. Dadurch konnte sich ein neuer Filmstil entwickeln. Goldberg selbst drehte damit Filme zur Werbung für die neue Kamera. In Dresden war es der Fotograf Bruno Wiehr, der mit der Kinamo seinen Experimentalfilm "Alltägliche Plaudereien" im Dresdner Arbeiterviertel am Bischofsplatz und an der Hechtstraße aufnahm. Der holländische Regisseur Joris Ivens reiste nach Dresden, um die neue Kamera kennenzulernen und drehte damit 1929 seine heute noch bekannten Avantgardefilme "Regen" und "Brücke", ebenso wieWalter Ruttmann seinen berühmten Film "Berlin – Sinfonie einer Großstadt".
Die bisher beschriebenen historischen Filmkameras sind zwar interessante Sammlerstücke, für professionelle Einsätze jedoch seit vielen Jahren nicht mehr zu verwenden. Mit Beginn meiner freiberuflichen Tätigkeit 1968 standen mir die fernseheigenen Kameras nicht mehr zur Verfügung. Für die neuen Aufträge benötige ich nun mehr eigene Technik. Aber woher nehmen? In der DDR wurden keine 35-mm-Filmkameras hergestellt. Ein Kollege, der einige Jahre als Korrespondent in der Sowjetunion tätig war und von dort eine Spiegelreflex-Filmkamera "Konvas" mitgebracht hatte, verkaufte mir diese Kamera, mit der ich einige Jahre arbeiten konnte. Während meiner Festanstellung beim Fernsehen arbeitete ich mit einer Kamera Typ Arriflex 16 mm, einem Modell, welches ab 1951 gebaut und allen Aufgaben gerecht wurde.
Für 35-mm-Normalfilm wurde die ARRI-FLEX bereits seit 1937 von der Firma Arnold & Richter in München hergestellt und war eine weltweit beliebte Universalkamera. In der DDR war es jedoch unmöglich, eine solche Kamera zu kaufen. Nur auf der Leipziger Messe, am Stand von Arnold & Richter, konnte man sie in die Hand nehmen und bestaunen. Mein Wunschtraum, eine solche Kamera selbst zu besitzen, erfüllte sich 1975. In großzügiger Weise finanzierten unsere Westberliner Verwandten den Kauf eines gebrauchten Exemplars. Es wäre jedoch zu gefährlich gewesen, die Kamera komplett nach Dresden zu schicken - der Zoll hätte sie als unerlaubtes Einfuhrgut beschlagnahmt. Nach meiner Anweisung zerlegten unsere Verwandten die Kamera in Einzelteile und schickten sie in mehreren Sendungen zu uns. Den Zusammenbau konnte ich selbst erledigen. So hatte sich mein Traum erfüllt und ich besaß nun eine Filmkamera, die allen Anforderungen gerecht wurde, und mit der ich viele Jahre, selbst noch in München für Peter Schamoni, gearbeitet habe .
Die Geschichte der 16-mm-Kamera Movikon in meiner Sammlung
Filmkameras gab es in den Nachkriegsjahren nicht zu kaufen. Für unseren Film, den wir 1951 im Laienfilmstudio des Kulturbundes drehten, stellte uns Oberingenieur Heinrich Wenzel aus Radebeul seine 16-mm-Filmkamera"Movikon" zur Verfügung. Er lieh mir die Kamera auch später noch einige Male.
Zufällig entdeckte ich über 30 Jahre später genau diese Kamera in einer Vitrine im Fotogeschäft Wolf auf dem Weißen Hirsch. Ich traute meinen Augen kaum. Ich erkannte sie sofort an einem besonderen Merkmal, einem kleinen aufgeschraubten Metallstück an der rechten Seite. Herr Wenzel hatte uns erzählt, dass er die Kamera 1945 vorsichtshalber aus Furcht vor den Plünderungen der russischen Soldaten im Garten vergraben hatte. Sie hatten kleine Schäden davongetragen, die zu erkennen sind. Ja, es war genau die Kamera, mit der ich damals meinen ersten Film gedreht hatte. Als Schaustück stand sie in der Vitrine, war aber unverkäuflich. Nach meiner eindringlichen Erzählung, welche Erinnerungen für mich an dieser Movikon hingen, war Herr Wolf schließlich zu einem Tausch mit einem anderen Sammlerstück bereit. Ich bot ihm ein großes altes Messingobjektiv an, zu meiner Freude willigte er ein. Die Kamera funktioniert auch nach 80 Jahren noch immer perfekt.
8-mm-Kamera Carena
Eine Nachfahrin des berühmten sächsischen Premierministers Heinrich Graf von Brühl war nach der Wende als Journalistin in Dresden tätig. Ich lernte Christine von Brühl auf einer Neujahrsveranstaltung der "Sächsischen Zeitung" kennen. Sie äußerte dabei den Wunsch, auch die nähere Umgebung von Dresden kennenzulernen. Wir vereinbarten eine gemeinsame Wanderung mit meinem Freund Matthias Griebel, zu dieser Zeit Direktor des Dresdner Stadtmuseums. Als Journalistin schrieb Christine von Brühl über diese Wanderung 1995 eine kleine amüsante Erzählung: "Der Spaziergang mit dem Museumsdirektor, dem Kameramann und der Gräfin". Ihre Eltern lernte ich bei einem ihrer Besuche in Dresden kennen. Ihr Vater, Graf Dietrich von Brühl, war 1989 deutscher Botschafter in Österreich gewesen. Im diplomatischen Dienst lebte die Familie mehrere Jahre in mehreren Ländern. Christine wurde 1962 in Accra geboren. Ihr Vater filmte sie und ihre heranwachsenden fünf Geschwister mit einer kleinen Schweizer 8-mm-Kamera der Marke Carena, die er mir, nachdem er meine Sammlung gesehen hatte, spontan schenkte.
Filmprojektoren
Zu meiner Sammlung gehören auch Filmprojektoren verschiedener Ausführung, Filmformate und Baujahre - von einfachen Spielzeugen und Koffergeräten bis zum einstmals weit verbreiteten Projektor Ernemann IVB. Aus der Fülle möchte ich nur ein Beispiel nennen:
In einer Anzeige der Zeitung "Wochenpost" wurden 1975 ein Normalfilmprojektor namens "Monopol" und eine Kamera dazu angeboten. Ich fuhr auf die Anzeige hin nach Weimar, wo ich den kompletten Projektor in Original-Koffern und dazu die Kamera Kinette von Ernemann kaufte. Die Geräte stammten von einem Fuhrunternehmer aus Weimar. Dieser war sicher zur Filmerei angeregt worden durch das Vorbild des berühmten Hoffotografen Louis Held, der bereits 1912 in Weimar das erste Kino eröffnete und die Filme dafür selbst aufnahm. Die Geräte waren groß und schwer, für Laien umständlich zu bedienen und wenig benutzt. Sicher stieg der Fuhrunternehmer bald auf das neu entwickelte 16-mm-Schmalfilmformat um, das 1924 aufkam. Die Geräte waren leichter zu bedienen und wesentlich preiswerter.
Fotoapparate
Nun zu einigen Kameras aus meiner Sammlung, die für mich besondere Bedeutung haben:
Anlässlich meiner Konfirmation 1950 wollte ich einige Erinnerungsfotos aufnehmen, doch außer einer Plattenkamera im Format 9 x 12 cm, die sich nicht für Schnappschüsse eignete, besaß ich keine Kamera. Von einem Bekannten meiner Eltern, Paul Noack, Inhaber des berühmten Cafés Grießbach auf der Südhöhe in Dresden-Naulitz, wusste ich, dass er eine Kleinbildkamera von Contax besitzt. Zu dieser Zeit ein Wertstück! Meine Mutter bat ihn, mir diese Kamera für einige Tage auszuleihen, wozu er sofort bereit war. Obwohl ich noch nie eine so hochwertige Kamera in den Händen gehalten hatte, lernte ich schnell damit umzugehen. Um die Kamera auszuprobieren, fotografierte ich vom Stativ mit Selbstauslöser in unserer Wohnung. Weitere Bilder entstanden vor der Kirche auf dem Weißen Hirsch und von Verwandten und Bekannten sowie von meinem Lehrer Rolf Hantzsch an der Kaffeetafel. Ich habe den Film entwickelt und die Bilder selbst vergrößert. Nach einigen Tagen gab ich Herrn Noack die Kamera mit Dank zurück.
45 Jahre waren vergangen, als mich seine Tochter Ingrid Glöckner anrief. Sie hatte durch eine Bekannte von meinem Interesse an historischen Kameras erfahren und sagte, sie bewahre eine Kamera von ihrem verstorbenen Vater auf. Ich besuchte Familie Glöckner und zu meinem Erstaunen stellte ich fest: Es war genau die Contax, mit der ich schon 1950 fotografiert hatte. Frau Glöckner schenkte sie mir.
Geheimkamera von Hermann Kotzsch
Während der Recherchen zu Leben und Werk des Fotografen August Kotzsch lernte ich dessen Enkel Werner Kotzsch kennen, der die Familientradition fortsetzte und wie sein Vater Hermann Kotzsch Fotograf geworden war. Er wohnte im älteren Haus auf der Hüblerstraße in Blasewitz. Im Garten steht noch das seit langem unbenutzte Atelier Hermann Kotzschs mit Teilen der einstigen Einrichtung.
Aus dem Glashaus war eine Abstellkammer geworden, die große Atelierkamera war schon stark von Holzwürmern zerfressen. In seiner Wohnung im Erdgeschoss des schönen Hauses erzählte Werner Kotzsch von seinem Vater und Großvater August und verkaufte mir einige Bilder und eine kleine Kamera, die mehr wie ein Fernglas und nicht wie ein Fotoapparat aussah. Es war eine Geheimkamera mit dem Namen Argus, 1913 hergestellt von der Firma Contessa-Nettel für Aufnahmen auf Glasplatten im Format 4,5 x 6 cm. Mit dieser heute sehr seltenen Kamera konnte man gewissermaßen "um die Ecke" fotografieren. Während der Fotograf scheinbar geradeaus schaut, öffnet sich beim Auslösen an der Seite eine Klappe, gibt das Objektiv frei und unbemerkt wird eine Annahme beleuchtet.
Von diesen "Detektiv-Kameras" gab es verschiedene Modelle. Die kreisrunde Kamera der Firma Stirn hatte ein so kleines Objektiv, dass es durch ein Knopfloch passte und unbemerkt sechs kleine runde Bilder nacheinander aufgenommen werden konnten.
Super-Ikonta 6x6 von Zeiss Ikon Dresden
Im Gästebuch meiner Schwiegermutter Erika Arndt befindet sich ein Eintrag ihrer Bekannten Irmgard Steglich, der Schwiegermutter des Bildhauers Prof. Wieland Förster, geschrieben im Juni 2004: "Eine schöne nahe Freundschaft entwickelt aus lange zurückliegenden Wurzeln verbindet mich mit Erika. Voller großer Bewunderung stehe ich immer wieder vor ihren phantasievollen liebenswerten Schöpfungen aus Holz, Papier und so vielen anderen Materialien, die sie mit unermüdlicher Energie schafft." Irmgard Steglich war zu der Zeit 90 Jahre alt. Ich lernte sie bei einer Kaffeerunde Alt-Dresdner Art kennen, zu der meine Schwiegermutter oft in ihr geselliges Haus am Kleinzschachwitzer Elbufer einlud. Nachdem ich ihr von meiner Fotogeräte-Sammlung erzählt hatte, bot sie mir spontan eine wertvolle Kamera an. Sie berichtete mir vom Schicksal ihres Mannes Johannes Steglich, Jahrgang 1911, der vor dem Zweiten Weltkrieg bei Zeiss Ikone angestellt war. Er wurde eingezogen, musste an die Ostfront und fiel dort am 20. Januar 1942. Da seine Kamera Contax verloren ging, erhielt Irmgard Steglich von der Firma ihres Mannes eine neue Kamera Super-Ikonta 6x6 mit Zeiss-Objektiv und eingebautem Belichtungsmesser, zu dieser Zeit ein Spitzenmodell. Irmgard Steglich schenkte mir diese Kamera.
Aber die Geschichte geht weiter. Wir filmten 2012 am Elbufer in Laubegast die Übergabe der Plastik "Die Elbe" des bekannten Bildhauers Professor Wieland Förster und lernten dabei dessen Frau Angelika kennen. Sie wiederum ist die Tochter von Frau Steglich... Wir luden das Ehepaar zu einem Besuch ein.

Am 22. Oktober 2012 schrieb mir dann Frau Förster: "Lieber Ernst Hirsch, nachdem ich in ihrer Wohnung die wunderbare Sammlung von Kameras und filmgeschichtlichem Material sehen konnte, darunter die Kamera, die Ihnen meine Mutter bereits geschenkt hat, habe ich mich entschlossen, die Originaldokumente und Fotos, die die "Kameraverbundenheit" meiner Eltern Johannes und Irmgard Steglich dokumentieren und für die Kamerawerbung von Zeiss Ikon 1939 in Dresden gemacht wurden, in Ihr Archiv zu geben, wo sie genau hinpassen und in guten Händen sind. Mit besten Grüßen
Ihre Angelika Förster geborene Steglich".
Pentacon-Six Ausrüstung von Carl Schröder
1964 lernte ich im DEFA-Trickfilmstudio während der Dreharbeiten zu seinem Handpuppenfilm"Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" den Regisseur und Puppenspieler Carl Schröder kennen. Unter seiner Regie entstanden zahlreiche phantasievolle Filme für Kinder wie Erwachsene, in denen er auch selbst die Puppen führte. Wir kamen ins Gespräch, auch über sein Wirken als Fotograf. Viele Jahre später lud er uns in seine Wohnung nach Radebeul ein. Er zeigte uns seine Fotosammlung und die Kameras, mit denen er die Bilder aufgenommen hatte. Unser Sohn Konrad war mit dabei. Dessen reges Interesse gefiel wohl Herrn Schröder, der zu dieser Zeit schon über 90 Jahre alt und entschlossen war, sich von seinen Fotogeräten zu trennen. Er fragte Konrad, ob er Freude an der Fotoausrüstung hätte und damit fotografieren möchte. Nach kurzer Überlegung schenkte er ihm seine Pentacon-Six mit vielfältigem Zubehör.

Kopiermaschine und Tonkassette
Neben meiner Tätigkeit als Kameramann konstruierte und baute ich einige film- und tontechnische Geräte. Die während der Lehrzeit bei Zeiss Ikon erworbenen Kenntnisse bildenen dafür die Grundlage. Um die damalige technische Situation bei Filmaufnahmen mit Ton darzustellen, muss ich etwas weiter ausholen. Anfänglich genügten für aktuelle Berichte im Fernsehen stumme Aufnahmen, zu denen später im Studio der Text eingesprochen und Musik und Geräusche zugemischt wurden.
Für lippensynchrone Tonaufnahmen bei Interviews kamen in den 1950er Jahren große Tonbandgeräte, die in einem Übertragungswagen standen, parallel zur Bildaufnahme zum Einsatz. Vor jeder Aufnahme schlug ein Assistent eine sogenannte Synchronklappe vor und sagte laut die jeweilige Einstellungsnummer an. Der Synchronmotor der schallgedämpften schweren Kamera erhielt ebenso wie das Tonbandgerät den Strom von einem Generator aus dem Übertragungswagen. Für Spielfilmaufnahmen war das umständlich, aber das übliche Verfahren.
Bald wurden kleine tragbare, von einem Federwerk angetriebene Tonbandgeräte entwickelt. Die Synchronität von Bild und Ton steuerte das sogenannte Pilottonverfahren. Ein kleiner Generator in der Kamera erzeugte eine Wechselstromfrequenz, die über ein Kabel zusammen mit dem Ton aufgezeichnet wurde. Für Reportagen, bei denen es auf Schnelligkeit ankam, war das ein ebenso umständliches Verfahren.
Unterdessen war der Magnetfilm aufgekommen, gewissermaßen ein 16 mm breites Tonband mit Filmperforation. Es bot eine neue Möglichkeit, Ton direkt synchron zum Bild aufzunehmen.
Ich entwickelte und baute selbst einen Magnetton-Kassettenansatz zur Aufnahmekamera Pentaflex 16 mm vom VEB Pentacon Dresden. Das Gerät ermöglichte eine lippensynchrone Tonaufnahme nach dem Zweistreifensystem auf 16-mm-Magnetfilm. Es bildete mit der zur Kamera gehörenden Kassette für den 60 Meter langen Bildfilm eine Einheit, angetrieben über das Antriebssystem der Kamera mit nur einem Antriebsmotor. Ein kleiner Transistor-Verstärker war in der Kassette eingebaut, sodass das Mikrofon direkt angeschlossen werden konnte. Von der Studiotechnik des Fernsehens wurden die Tonaufnahmen mit diesem Gerät akzeptiert, das ich den Mitarbeitern der "Aktuellen Kamera" vorstellte. Ich realisierte damit etliche Reportagen. Bald überholte der technische Fortschritt dieses Verfahrens, an dessen Entwicklung ich viele Monate gearbeitet hatte.
Um 35-mm-Film auf optischem Weg auf 16 mm breiten Film im kontinuierlichen Durchlauf zu verkleinern, baute ich eine einfache Kopiermaschine aus einem Projektorlaufwerk und einer Pentaflex 16-mm-Kamera und koppelte beide mit einem gemeinsamen Antrieb mechanisch synchron.
Ein Gerät, mit dem ich 16 mm breiten Film auf optischem Weg auf 35-mm-Film vergrößerte, hatte ich auf einfache Weise schon 1953 für einen Film über das Spielzeugmuseum in Sonneberg gebaut, damit dieser im Fernsehen gesendet werden konnte.
Natürlich gab es in den großen Filmkopierwerken längst professionelle Geräte von namhaften Herstellern in der Bundesrepublik, aber diese waren für freiberuflich tätige Filmemacher unerreichbar und nur auf der fototechnischen Messe "Interkamer" in Prag zu bestaunen.
Westliche Fachliteratur über die neuesten technischen Entwicklungen in der Filmbranche konnte in der DDR offiziell für DDR-Mark abonniert werden. Das war erstaunlich. Fast 30 Jahre lang erhielt ich jeden Monat die neueste Ausgabe der Zeitschrift "Kinotechnik", die bald in "Kino- und Fernsehtechnik" umbenannt wurde, da die technische Entwicklung hin zum Fernsehen sehr schnell erfolgte.
Mehr von und über Ernst Hirsch
In der nächsten Woche beenden wir die Autobiografie, dann lesen Sie das letzte Kapitel über Ernst Hirsch und seine Arbeit im Zwinger. Das vorangegangene Kapitel über seine Filmschätze des Alten Dresden können Sie HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER. In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.