Umgeben von Kollegen der Zwingerbauhütte verschließt Kupferklempnermeister Hölzel die Kupferkapsel, 1963. Foto: Heinz Wobst
Der Zwinger hat - wie auch die Frauenkirche - eine ganz besondere Bedeutung für den Dresdner Kameramann Ernst Hirsch, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Mit dem Kapitel "Der Zwinger kam auch mich zu" endet die Autobiografie "Ernst Hirsch - Das Auge von Dresden", die wir in den vergangenen Wochen veröffentlichen durften. Die beiden Auflagen des Buches sind längst ausverkauft und selbst gebraucht kaum zu beschaffen. Wir danken deshalb dem Autor Ernst Hirsch, dass er "Leben50" ermöglichte, seinen spannenden Lebensweg noch einmal Revue passieren zu lassen.
Schlusskapitel - Der Zwinger kam auf mich zu
Als dieses Buch fast fertig war, las ich zum Schluss die Texte noch einmal durch und stellte fest, dass ein Dresdner Bauwerk immer wieder in unterschiedlicher Weise, in Wort und Bild, in den verschiedenen Kapiteln auftaucht. Es ist der Zwinger. Gewissermaßen für mich ein magischer Ort in meiner Geburtsstadt - ein Ort, den ich nicht gesucht habe, der "auf mich zukam". Ist es vermessen, eine solche Behauptung aufzustellen?
Es war in meinem Geburtsjahr 1936, als der Zwinger, nach jahrelanger Restaurierung wieder zu einem Anziehungspunkt für Fremde und Einheimische wurde. Auf den Wallanlagen konnte flaniert werden, im Zwingerhof und im Nymphenbad sprudelten die Wasserspiele. An Sommerabenden erklangen Serenaden vor dem Wallpavillon. So war die barocke Anlage wohl auch für meine Eltern ein nahegelegener Ort für Spaziergänge.
Als ich fünf Jahre alt war, nahm meine Mutter zu einem solchen Spaziergang eine Schmalfilmkamera mit. Damit hielt sie meine erste Begegnung mit dem Zwinger fest. Wenige Jahre später zerstörte der verheerende Bombenangriff am 13. Februar 1945 auch dieses Bauwerk. Die Sicherungsarbeiten an den Ruinen des Zwingers begannen bereits im Laufe des Jahres 1945, gegen den Widerstand der städtischen Behörden, aber auf Anweisung der sowjetischen Besatzungsmacht. Professor Hubert Ermisch, der schon die Restaurierung seit 1926 geleitet hatte, und Baumeister Hermann Ullrich mit seinen Bauleuten gingen trotz großer Schwierigkeiten ans Werk. In einem Tonfilm, den ich im Archiv aufbewahre, erinnert sich der Bauarbeiter Friedrich Mühlstädt 1947: "Als ich 1945 aus dem Krieg Zurückkehrte und die Trümmer von Dresden sah, war ich zutiefst erschüttert. Aber noch mehr erschüttert war ich, als ich mit meinem ehemaligen Chef Dr. Hubert Ermisch in den zu sechzig Prozent zerstörten Zwinger ging und die furchtbaren Schäden feststellen musste. Wir haben die Balken und Stützen aus anderen Trümmerfeldern zusammengesucht, um sie für Rüstarbeiten zu verwenden. Wir haben sogar nach Nägeln gesucht, die wir für die Rüstarbeiten brauchten. Zement, Kalk und Gips haben wir in Rucksäcken hergeschleppt, um zu mindest den Anfang zu schaffen."
Der Wiederaufbau ging trotz der Schwierigkeiten voran. 1951 war das Kronentor wiedererstanden, es reizte mich als Motiv für Foto- und erste Filmaufnahmen. Die Spiegelung der Langgalerie im Wasser des Zwingergrabens, die im gleichen Jahr zu einer gemeinsamen Wasserfläche mit dem Zwingerteich verlängert wurde, war von Ruderbooten belebt. Trotz der Ruinen in der Umgebung war wenigstens an dieser Stelle ein Stück altes Dresden wiedererstanden.
Über die neue hölzerne Brücke gelangte man in den Innenhof, von dem ein Teil ebenfalls seit 1951 besucht werden konnte. Das Baugeschehen wollte ich filmen - der Zwinger kam auf mich zu. Ich erhielt die Genehmigung und durfte mich mit der Kamera auf dem gesamten Gelände der Baustelle frei bewegen. Woher nahmen die Menschen nur den Mut, die Ruinen der Pavillons und Galerien wieder aufzubauen? Das wichtigste Baumaterial, der Sandstein, kam aus einem Steinbruch zwischen Wehlen und Rathen. Mich interessiert die Gewinnung der Rohblöcke und ich war deshalb bei der so genannten "Fällung" einer Wand im Steinbruch und beim Abtransport der Quader auf Elbkähnen dabei. Immer wieder ging ich an freien Tagen mit der Kamera in den Zwinger. Bildhauer Bernhard Braun suchte zwischen den Trümmern Einzelteile der Figuren und setzte sie, gemeinsam mit seiner Frau, sorgfältig zusammen. So konnten die Steinmetzen Kopien anfertigen. In den Arbeitspausen holten sie sich aus den Gemüsebeeten, die zwischen den Wasserbecken angelegt waren, zum Frühstück frische Tomaten oder Gurken. In der Kupferklempnerwerkstatt schuf Meister Jagi mit seinen Gehilfen die Schornsteinaufsätze, verziert mit kunstvoll getriebenen Masken.
Der erste wiederhergestellte Pavillon war der Mathematisch-Physikalische Salon, der bereits 1952 als Museum wiedereröffnet wurde. In diesen Räumen filmte ich die kunstvoll verzierten feinmechanischen und optischen Instrumente, so zum Beispiel die großen Brennspiegel des Herrn von Tschirnhaus, die einst zu Experimenten für die Porzellanherstellung wichtig waren. Natürlich durften auch der trommelnde Bär, ein mechanisches Wunderwerk, sowie die große Weltzeituhr im Film nicht fehlen. - Niemand hatte mich zu dieser Filmidee angeregt oder beauftragt - der Zwinger "kam auf mich zu". Dem fertigen Film gab ich den Titel: "Barock im Wiederaufbau".

Während meiner Tätigkeit für das Fernsehen entstanden später viele aktuelle Berichte im Zwinger, so von der Einweihung des Glockenspiels aus Meißner Porzellan, das am Stadtpavillon wieder erklang.
Auch der Teil des Zwingers, der an die Gemäldegalerie grenzte, war nach der Rückkehr der Dresdner Kunstschätze aus der Sowjetunion zum Teil wieder aufgebaut worden. Der am stärksten zerstörte Westflügel folgte später. Im sogenannten Deutschen Pavillon an der Ostseite des Zwingers hingen im Obergeschoss Meisterwerke altdeutscher Malerei von Dürer, Lucas Cranach und Holbein. Im Erdgeschoss befanden sich die Restaurierungswerkstatt der Kunstsammlungen und die Direktion der Galerie. Bei Filmaufnahmen während der Restauration des Dresdner Dürer-Altars kam es zu Begegnungen mit der Restauratorin Hertha Groß-Anders, dem Chef-Restaurator Professor Weber und den Direktoren der Galerie Henner Menz und Frau Dr. Mayer-Meintschel. Sie war 23 Jahre lang Direktorin der Galerie und beriet mich bei Filmarbeiten ebenso wie ihr Nachfolger Professor Dr. Harald Marx.
1963 wurde der Wiederaufbau des Zwingers mit der Fertigstellung des Wallpavillons abgeschlossen. Nur die große Sandsteinfigur des "Herkules saxonicus", eine Allegorie auf August den Starken, einst von Balthasar Permoser geschaffen, musste zur Bekrönung noch aufgesetzt werden. Diesen feierlichen Akt filmte ich für das Fernsehen gemeinsam mit meinem Kollegen Heinz Woost.
Am 29. April 1963 versammelten sich vor dem Wallpavillon die Mitarbeiter der Zwingerbauhütte, die Steinmetzen und Bauarbeiter und unterzeichneten eine Urkunde, in der es u.a. heißt: "In 18 Jahren harter Arbeit, teils unter den schwersten Bedingungen haben wir das schönste Bauwerk Dresdens wieder aufgebaut. Es wurden gegen 12 Millionen Mark dafür aufgewandt. Heute am 29. April 1963, zwei Tage vor dem ersten Mai, dem Internationalen Ehrentag der Arbeiter, legen wir diese Urkunde in die Weltkugel des Herkules, mit dem Wunsche, dass das Bauwerk nie wieder durch einen Krieg zerstört werde und dass der Wille zum Frieden über die Kräfte des Krieges siegt. Die Kollegen der Bauabteilung für kulturhistorische Bauten. Professor Artur Frenzel"
Mit Zeitungen, Münzen und Fotos wurde die Urkunde, auch mit einer Visitenkarte der "Aktuellen Kamera" und dem Hinweis darauf, dass wir das Ereignis im Film festgehalten hatten, in eine Kapsel gelegt und von Kupferklempnermeister Arno Helzel verlötet.
Die tonnenschwere, drei Meter hohe Figur wurde dann mit Flaschenzügen über mehrere Etagen 25 Meter nach oben gezogen. Es dauerte einige Stunden, bis der Herkules auf der höchsten Stelle des Giebels angekommen war. Erst dort oben öffneten die Bauleute die obere Hälfte der Erdkugel, um die Kupferkapsel einzulegen.
52 Jahre später, Anfang 2015, kam der Zwinger erneut auf mich zu. Der Wallpavillon sollte innen und außen umfassend restauriert werden. Von Zwingerbaumeister Schöppner bekam ich den Auftrag, alle Arbeiten zu dokumentieren. In den vergangenen Jahrzehnten waren Schäden aufgetreten, die man auf den ersten Blick nicht sah. Ein Jahr lang verdeckte das Baugerüst den gesamten Wallpavillon, der als ein Höhepunkt der Dresdner Barock-Baukunst gilt. Besonders der Figurenschmuck hatte durch die Umweltverschmutzung der vergangenen zehn Jahre Schäden erlitten. Die Figuren mussten zum Teil abgenommen und in der Zwingerbauhütte in einem Wasserbad entsalzt und gereinigt werden. Die am Bauwerk verbliebenen Skulpturen wurden von den Restauratoren mit dicken Kompressen umhüllt, die einige Wochen daran verblieben, um dem Sandstein Salz und Schmutz zu entziehen. Großaufnahmen zeigen die frisch gereinigten Gesichter der steinernen Götter, deren Feinheiten vom Boden aus nicht zu erkennen sind. Auf dem Gesicht eines der Hermen des Bildhauers Balthasar Permoser ist - nur aus der Nähe - sogar eine Warze zu entdecken. Die der griechischen Sagenwelt entlehnten Götter und Heroen haben einen direkten Bezug zu August dem Starken, der als lorbeerbekränzter Paris statt eines Apfels eine Königskrone in der Hand hält. So nahe bin ich den Figuren nie wieder gewesen. Mein Herz schlug höher, als die obere Hälfte der vom Herkules getragenen Erdkugel wie 53 Jahre zuvor am Flaschenzug hing und die seinerzeit eingelegte Kupferkapsel sichtbar und entnommen wurde. Auf der Terrasse am Pavillon fand am 15. Juni 2015 eine Pressekonferenz statt, zu der der sächsische Finanzminister Georg Unland geladen hatte. Großes Staunen, als man die historische Kassette öffnete und neben dem sonstigen Inhalt auch unsere Visitenkarte von damals zum Vorschein kam und vorgelesen wurde.
Danach meldete ich mich und erzählte die Geschichte unserer Visitenkarte. Ein weitererZeitzeuge, der Bildhauer Manfred Wagner, war anwesend. Er hatte 1963 fotografiert und schenkte mir ein Foto von damals.

Zur Pressekonferenz im Juni 2015 war als Zuschauer auch mein Cousin Rudolf Hirsch, jetzt 89 Jahre alt, gekommen. Schon 1941 ist er bei dem gefilmten Spaziergang im Zwinger zu sehen, wo wir gemeinsam am Rand eines Wasserbeckens entlangliefen. Freudig wiederholten wir nun an gleicher Stelle wie vor 74 Jahren im Film unseren Spaziergang.
Bereits zwei Jahre früher, von 2006 bis 2008, hatte ich die umfangreiche Wiederherstellung des Nymphenbades, seiner Balustraden, Treppen und Wasserspiele dokumentiert. Bei der Feier zur Übergabe überreichte ich Zwingerbaumeister Schöppner zehn Stunden aufgenommenes Bildmaterial, aus dem zusammen mit den Aufnahmen vom Wallpavillon 2015/16 eine umfangreiche Dokumentation entstehen soll.
Heute, am 2. Dezember 2016, sind die letzten Gerüste am Wallpavillon abgenommen worden, in strahlendem Sonnenschein glänzt das Bauwerk in nie gesehener Schönheit. Mit meiner Kamera war ich dabei, wieder war der Zwinger "auf mich zugekommen".
In meiner Filmsammlung kann ich mit bewegten Bildern auf die jüngere Geschichte des Zwingers bis zum Jahr 1913 zurückschauen. Auf den frühesten Aufnahmen ist der Wallgraben vor dem Kronentor noch zugeschüttet (seit 1821) und es sind Grünanlagen angelegt. Im Zwingerhof steht zwischen Orangenbäumchen noch das Denkmal des Königs Friedrich August I. Die Arbeiten zu dessen Umsetzung 1929 sind ebenfalls zu sehen. Ein längerer Film des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz dokumentiert die umfangreichen Restaurierungsarbeiten, die 1936 zum Abschluss kamen. Der touristische Werbefilm "Die fahrende Stadt" von 1940 zeigt dann den neugestalteten Zwingerhof und die Wasserspiele des Nymphenbades.
Auch für Spielfilme bildete der Zwingerhof den Rahmen, also für einen Film über Carl Maria von Weber und für einen Film mit dem eigenartigen Titel "Wie sagen wir es unseren Kindern". Im März 1945 filmte Kurt Moser als Erster die Ruinen des Zwingers, nach dem Einmarsch der Roten Armee im Mai 1945 dann ein Armee-Kameramann und 1946 eine US-amerikanische Aufnahmegruppe.
1964 drehte das DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme mehrere Lehrfilme für Berufsschulen über Handwerksberufe im Zwinger. Der Regisseur war Hans-Günther Kaden, der vom Dresdner Rundfunkstudio zur DEFA kam. Zu dieser Zeit begegnete ich jedoch dem Aufnahmestab der DEFA im Zwinger nicht. Erst viele Jahre später, 1982, lernte ich Hans-Günther Kaden (1926-2015) kennen, worüber ich im Kapitel Regiekameramann und Freiberufler in der DDR berichtet habe. Er engagierte mich als Kameramann für sein Werbefilmstudio in Berlin, in dem ich bis 1990 mitarbeitete. Oft unterhielten wir uns über seine Dresdner Zeit und die Filmarbeit im Zwinger.
Mein Freund, der Münchner Regisseur Peter Schamoni, drehte schon 1964 einen Film "Im Zwinger" und erhielt dafür den Bundesfilmpreis.
So bewahre ich in meiner Sammlung viele eigene und fremde filmische Zeitdokumente zum Thema "Dresdner Zwinger" auf. Wer weiß, mit welchen Ereignissen der Dresdner Zwinger noch "auf mich zukommen" wird - meine Aufmerksamkeit ist ihm gewiss.
Mehr von und über Ernst Hirsch
Die Autobiografie endet an dieser Stelle. Das vorangegangene Kapitel widmet sich der Sammlung der Film- und Fototechnik von Ernst Hirsch - Sie können es HIER nachlesen. Zum Start der Serie klicken Sie HIER. In der Mediathek der SLUB sind viele Filme aus der Sammlung von Ernst Hirsch bereits digitalisiert.