Ein Dampfer der Weißen Flotte - Verkauft für ein Glas Kirschen

Es gab Zeiten, da war der PD Krippen gerade mal ein Glas Kirschen wert. Foto: Sächsische Dampfschifffahrt

Es gab Zeiten, da war der PD Krippen gerade mal ein Glas Kirschen wert. Foto: Sächsische Dampfschifffahrt

Die Sächsische Dampfschifffahrt feiert in diesem Jahr ihren 190. Geburtstag. Sie ist mit neun historischen Schiffen die größte und älteste Schaufelraddampferflotte der Welt. In einer Mini-Serie nehmen wir Sie mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte. Legen Sie mit uns vom Dresdner Terrassenufer ab. Teil 2: Die Geschichte der PD "Krippen".

Von einem symbolischen Verkauf für ein Glas Kirschen über Jahre an Land bis zur Rückkehr 1999: Der PD „Krippen“ erzählt, wie ein Dampfer mit Geschichte ein Comeback feierte.

Ich bin der PD „Krippen“. Ein Dampfer mit Charakter, Kessel, Geschichte – und einer Biografie, die man niemandem glauben würde, hätte sie sich nicht genau so zugetragen. Man sagt ja gern, Schiffe hätten viele Leben. Ich kann bestätigen: Manche haben sogar zwei völlig gegensätzliche.

Mein erstes Leben endete 1979. Außerdienststellung. Abgestellt. Personalmangel, technischer Investitionsbedarf, hoher Kohleverbrauch – Gründe gab es viele. Für mich bedeutete es vor allem eines: Stillstand. Ich lag im Hafen Dresden-Neustadt, sah andere fahren und wusste nicht, obich je wieder dorthin zurückkehren würde, wo ich hingehöre – auf den Fluss.

1982 geschah etwas, das bis heute zwischen Kopfschütteln und Schmunzeln schwankt: Ich wurde in einer DDR-Zeitung als Materialangebot ausgeschrieben. Nicht als Kulturgut. Nicht als historischer Dampfer. Sondern als – Material.

1983 trat eine kleine Gemeinde an der Saale auf den Plan: Kloschwitz. Bürgermeister Hugo Dunkel, sein Sohn und einige Dampferfreunde hatten eine Idee, die größer war als ihre Mittel – aber reich an Herzblut. Sie wollten mich retten, mich umbauen, mir ein neues Leben als Kultur- und Gaststättenschiff geben.

Der Kaufpreis? Ein Glas Kirschen. Symbolisch. Unvergessen.

Man arbeitete, so gut es ging. Mein Dach wurde erneuert, isoliert, gesichert. Und dann kam mein wohl ungewöhnlichster Ortswechsel: 1986 wurde ich bei Hochwasser über Feldbahngleise an Land gezogen. Ein Elbdampfer auf trockenem Fundament an der Saale. Es fühlte sich an, als hätte man einem Fisch gesagt: „Willkommen im Vorgarten.“

Später schoben mich sowjetische Bergungspanzer millimetergenau auf mein endgültiges Fundament. Militärtechnik für einen historischen Dampfer– auch das gehört zu meiner Geschichte. Doch so viel Einsatz es gab: Die Mittel fehlten. Die Ideen blieben größer als die Möglichkeiten. Die wirtschaftliche Realität der späten DDR tat ihr Übriges. Ich stand sechs Jahre an Land. Nicht zwei Jahrzehnte – aber lang genug, um zu spüren, wie fern mir der Fluss geworden war.

1991 kam Bewegung in mein Schicksal. Mit Hilfe von drei Schwerlastkränen gelangte ich am 11. Dezember zurück ins Wasser. Ein erster Atemzug Freiheit. Noch kein Neubeginn – aber Hoffnung. Was folgte, war meine wohl bewegendste Phase.

Menschen traten auf den Plan, die an mich glaubten – allen voran die Familie Junghans aus Meißen. Sie gründeten eigens eine Reederei, nahmen hohe Kredite auf und wagten etwas, das rational kaum zu rechtfertigen war: Sie retteten mich.

1994 erlebte ich meinen zweiten Frühling. Nach einer aufwendigen Rekonstruktion – unter anderem in Oldenburg – kehrte ich zurück auf den Fluss.Nicht  leise. Sondern mit Stolz. Ich fuhr in Meißen. Und dann weiter. Viel weiter. Berlin, Hamburg, Prag, Köln, Stuttgart. Große Reisen, große Hoffnungen, große Belastungen. Die Rechnung ging am Ende nicht auf. Ein historischer Dampfer ist kein leichtes Geschäft. Die finanzielle Last war zu groß. Die Familie Junghans zerbrach an dieser Aufgabe – und verdient bis heute höchsten Respekt dafür. Für viele von uns sind sie die wahren Retter des PD „Krippen“.

In den späten 1990er-Jahren fuhr ich zuletzt, verchartert an die Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt, auf dem Main. Fern meiner Heimat. Aber noch immer unterwegs.

1999 geschah dann, womit kaum jemand noch gerechnet hatte: Die Sächsische Dampfschifffahrt holte mich zurück. Aus der Konkursmasse.Nach Hause. Über mehr als tausend Flusskilometer kehrte ich zurück an die Elbe. Am 29. November 1999 lag ich wieder in Dresden.

Was folgte, war meine zweite große Verwandlung: Werft Laubegast. Abschleifen, erneuern, reparieren, bewahren. Jede Schraube, jede Latte, jede Leitung. Ein Herz aus Maschine, das wieder zuverlässig schlug. 2000 kehrte ich in den Fahrdienst zurück. Mit Aufgabe. Mit Würde. Mit Geschichte.

Ein Glas Kirschen. Jahre an Land. Eine Weltreise wider Willen. Und ein Comeback, das selbst Dampfer beeindruckt. Ich bin der PD „Krippen“.Ich war weg. Und dann war ich zurück. Und ja – Comebacks funktionieren auch auf Kesselbasis.

Noch mehr Geschichten aus 190 Jahren 

Diese und noch weitere Geschichten können Sie auch unter www.saechsische-damfschifffahrt.de lesen. Oder: Sie unternehmen einen Ausfahrt mit dem Salonschiff "August der Starke". An Bord können Sie entlang eines Zeitstrahls, der sich an der Verglasung durch das gesamt Schiff schlängelt, QR-Codes scannen und spannende Geschichten lesen. Oder Sie klicken HIER.

Der Top-Tipp im Jubiläumsjahr

Am 5. September feiert die Flotte "190 Jahre Sächsische Dampfschifffahrt" mit einem Event auf und an der Elbe mitten im Dresdner Zentrum. "Elbzauber - Das Open Air auf dem Fluss" ist der Titel, bei dem die Elbe selbst zur Bühne wird. Über Ihnen der Sternenhimmel, vor Ihnen die leuchtende Dresdner Altstadt – erleben Sie einen einmaligen Spätsommerabend, der unter die Haut geht. Das Programm: Eine Reise durch musikalische Welten mit Künstlern auf Schiffen, auf einer Bühne im Wasser und einer Multivisionsshow der Extraklasse. Auf riesigen LED-Leinwänden erwachen Szenen und Bilder zum Leben, Laser und Lichteffekte tanzen über das Wasser und tauchen die Nacht in spektakuläre Farben. Infos unter www.saechsische-dampfschifffahrt.de

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