Autor Heinz Kulb mit seinem Büchlein "Mannsbilder". Foto: Katrin Koch
Dieser Frage geht der Dresdner Autor - historisch gesehen - in seinem neuen Buch "Mannsbilder" nach.
Zuerst (2024) bekamen die "Weibsbilder" ihr Fett weg - mit Augenzwinkern natürlich. Nun widmet sich der Dresdner Autor Heinz Kulb in einem Folgebüchlein aus dem Emil Verlag den "Mannsbildern". Nicht irgendwelchen, sondern denen, die im Dresden vor 100 und mehr Jahren durch die Stadt mäanderten, skandierten oder schlichen. Junge wie Alte. Schulknaben wie Professoren. Es sind Geschichten über die sogenannten "kleinen Leute", die der Autor mit feinem Humor aufs Papier gebracht hat.
Allesamt sind diese Herr-lichen Geschichten im alten Dresden angesiedelt. Sie erzählen Episoden, wie sich im historischen Kontext hätten zutragen könne. Dabei war Heinz Kulb nicht. Schließlich entführen die ältesten Histörchen in eine Zeit, in der Napoleon Europa im Griff hatte. Auch wenn Heinz Kulb bereits im Rentenalter ist, so alt ist er wiederum nicht. Doch er schreibt so voller Amüsement, dass der Verdacht naheliegt: Er wäre bei manch toller Sache gern dabei gewesen!
Kleiner Vorgeschmack gefällig? Dann lesen Sie doch voller Vergnügen die Geschichte:
Wildpinklern auf der Spur
Polizeihauptmeister Meierling ließ seine drei untergebenen Polizeimeister am Eingang zur Alaunstraße strammstehen. Noch eine Stunde bis Mitternacht. Aber die sommerliche Hitze des Tages wollte nicht weichen. Sie strömte aus den tagsüber aufgeheizten Gebäuden auf die Straße zurück. Der Sommer 1902 lief seit Tagen zu Höchstform auf.
Meierling hatte Mitleid. Er war ja kein Unmensch. "Rühren. Bei dieser Demse ist lockere Haltung das Beste. Die jungen Polizeimeister nickten dankbar. "Also. Heute Nacht geht es gegen die Hauspinkler in diesem Viertel. Die Beschwerden von den Hausbesitzern mehren sich, und bei dieser Hitze wird der Gestank unerträglich. Ich kann das bis hierher riechen."
Der Polizeihauptmeister meinte natürlich die sogenannten Wildpinkler, also Leute, die im Freien einfach das Wasser aus ihrem Körper lassen, ohne eine Sanitäranlage zu benutzen. Das Problem hatte in den vergangenen Jahrzehnten, seit sich Dresden rasant zu einer Großstadt entwickelte, dermaßen zugenommen, dass auch tagsüber stets ein Hauch von Urin durch die Stadt waberte.
Die Einheimischen hatten sich daran gewöhnt, aber Gäste von Außerhalb und die höheren Stände rümpften ihre Nasen und beschwerten sich beim Polizeipräsidenten. Auch die Handwerkerinnungen und Wirtschaftskammern fürchteten um einen Imageverlust und um geschäftliche Einbußen.
Und so wurden die einzelnen Polizeigendarmerien angewiesen, hart gegen das Wildpinkeln vorzugehen. Fast jeder Hauseingang war ein potenzieller Tatort. Die scharfe Säure ließ Bäume und Sträucher eingehen, Türscharniere, Metallzäune und Laternenpfahle rosten sowie Holz vermodern.
Und die Verursacher? Das waren nicht nur die alten Herren und Geschäftsleute aus der Umgebung, die trunken aus ihren Stammkneipen heimwärts zogen und aus Muskelschwund im Lendenbereich oder Vergesslichkeit das Wasser nicht mehr halten konnten. Nein, es waren sehr oft die jungen Leute, die grölend durch die Nacht zogen und um die Wette pinkelten. Wer zum Beispiel den Strahl am höchsten richten konnte, ohne sich selbst nass zu machen, der bekam im nächsten Lokal einen ausgegeben.
Die Polizei war entsprechend der Reichsverfassung (bis auf die sogenannte Fremdenpolizei und einige andere Bereiche) landesstaatlich organisiert. Aber die Möglichkeiten der Polizei wurden verwaltungsrechtlich im Laufe der Jahre eingeschränkt. So heiligte, wie vor der Deutschen Einheit, nicht mehr der Zweck die Mittel, sondern es musste das Mittel für die Erreichung des Zwecks geeignet, notwendig und für den Betroffenen zumutbar sein.
Polizeihauptmeister Meierling vergatterte seine Untergebenen und schickte sie, sich selbst eingeschlossen, in zwei Trupps die Alaunstraße hoch Richtung Alaunplatz. Mit der Täterfindung wollte Meierling Pluspunkte bei seinen Vorgesetzten zwecks eigener Beförderung sammeln. Zunächst war alles ruhig. Etwas enttäuscht näherten sie sich dem Alaungarten in der Alaunstraße 51. Schankwirt August Handrick bugsierte seine letzten Gäste hinaus und schloss die Kneipe ab. Sperrstunde. Sperrstunde hieß so, weil da der Wirt seine Tür zusperren musste und nichts mehr ausschenken durfte. Das war schon seit dem Mittelalter so.
Die meisten Gäste aus dem Alaungarten entschwanden in Richtung Bischofsweg. Nur einer schwankte die Alaunstraße hinunter, geradewegs auf die Streife zu. Am Eingang zum Laden von Bäcker Otto Worm in der Nummer 47 lehnte sich dieser mit dem Kopf an die Hauswand, öffnete seine Hose und ließ einen mächtigen Strahl unter erleichterndem Aufstöhnen an die Ladentür strömen.
Die Polizisten grinsten und ließen ihn sich entleeren. Ehe sich jedoch der Pinkler die Hosen hochziehend weglaufen konnte, griffen sie zu. Bei dem Täter handelte es sich um den Schneider Hugo Marksteiner aus der Alaunstraße 37. Tage später erhielt er einen polizeiliche Strafverfügung über drei Mark wegen groben Unfugs. Doch das wollte der wieder nüchterne Schneider nicht auf sich sitzenlassen und reichte Klage ein.
Das Urteil wurde mit Spannung erwartet. Das Resultat war immer das gieiche. Die einen waren enttäuscht und die anderen frohlockten. In den Dresdner Nachrichten hieß es: "Das Gericht sei der Ansicht, "dass die Tatbestandsmerkmale des 'groben Unfugs' im vorliegenden Falle nicht gegeben seien, weil auf der zu jener Zeit verkehrslosen Straße der Personenkreis fehlte, der an dem Verhalten des Angeklagten hätte Anstoß nehmen können. Vielmehr liege lediglich eine Übertretung der von der Königlichen Polizeidirektion unterm 9. August 1882 erlassenen Bekanntmachung vor, die jedes Verunreinigen der öffentlichen Wege, Straßen, Plätze und Anlagen verbietet." Das Gericht erachtete daher einen Strafe von einer Mark als ausreichende Sühne.
Noch mehr Geschichten
Insgesamt 22 Geschichten hat Kulb im Büchlein auf 80 Seiten notiert. Dafür hat der Kulturwissenschaftler in Archiven und Bibliotheken recherchiert, viele Anzeigen in alten Zeitungen studiert. "Alles in allem habe ich über 250 Geschichten aufgeschrieben", schätzt Kulb, der seit 1984 in Dresden lebt. Die Namen sind oft geändert, aber die historischen Tatsachen sind verbürgt.
"Mannsbilder" ist wie "Weibsbilder" im Emil Verlag erscheinen. Das Taschenbuch (140x175 mm) mit Illustrationen von Paula Huhle kostet 10 Euro. Infos unter emil-verlag-dresden.de.